Weinsinnige Erkenntnisse #1 – Der Martin und der Schampus

„Ich saufe entweder Champagner oder deutschen Sekt.“ Und, um genau dies zu tun, nämlich französischen Champagner und deutschen Winzersekt zu verkosten sowie über Schaumwein im Allgemeinen und einige ausgewählte Tropfen im Besonderen zu sinnieren, habe ich mich mit Weinprofi und Dekanter-Trinker Martin Zieglmeier sowie drölfzig Flaschen sprudelnder Freude getroffen. Denn, obwohl Champagner und Sekt eigentlich zu jeder Tages- und Jahreszeit adäquate und empfehlenswerte Erfrischungen – Champagne for the brain – sind, stellen doch die herannahenden Feier(!)tage sowie DIE Bubbleparty des Jahres aka Silvester einen zusätzlichen Anlass dar, ein wenig Licht ins Dunkel der Rüttelpulte und Hefelager zu bringen und sich so professionell wie hochprozentig-motiviert mit unserem liebsten Sprudelwasser auseinander zusetzten.
Champagner und SektMartin, der seit Mai diesen Jahres in Geisels Weingalerie mit hochkarätigen Flaschen dealt und Menschen weinsinnig glücklich macht, kennt das Problem aus dem Verkaufsalltag: Sekt oder Champagner, das ist hier die Frage! Und ebendiese Frage wirft gleich zwei zu erforschende Thematiken auf. Erstens, was der Unterschied zwischen diesen beiden Schaumwein-Gattungen ist und zweitens, was man denn nun besser trinken, kippen oder wahlweise für ein schönes Bad verwenden sollte. Gerade bei der letzteren, auf die Qualität abzielenden Thematik also quasi dem Vorsitz im perligen Schaumwein-Himmel, gibt es für den jungen Herrn Zieglmeier eine gewichtige, aber keinesfalls gewichtende Lösung: „Es gibt keine Alternative zu Champagner. Und das ist auch nicht schlimm, denn warum muss den Sekt WIE Champagner sein? Wieso kann Sekt nicht für sich stehen und eine eigene Prestige haben? Schließlich haben wir in Deutschland gigantisch guten Stoff!“

Champagner und SektChampagner, Sekt, Spumante, Cava – Was ist da eigentlich was und weshalb? Wem sich diese Frage nicht stellt, liebe Leserin und lieber Leser, überspringt die folgende Beschreibung geschmeidig und hoppt beziehungsweise ploppt direkt zum nächsten prickelnden Abschnitt. Allen anderen sei ein kurzer, aber perliger Einblick in die Welt der Bubbles erteilt. Alle zuvor genannten Bezeichnungen gehören zur classy Klasse der Schaumweine, sprich weinhaltige Getränke, welche aufgrund ihres Gehalts an Kohlenstoffdioxid unter Druck stehen und blubbern. Zudem sind Champagner, Spumante, Cava und Sekt so genannte Flaschengärungen. Das bedeutet, dass die Kohlensäure durch eine zweite Gärung in der Flasche entsteht und nicht – wie beispielsweise bei Perlwein oder Frizzante – künstlich zugesetzt wird. Bei dem Prozedere einer Flaschengärung, auch Champagnerverfahren genannt, werden die verwendeten Weine zunächst einzeln ausgebaut. Außer bei Jahrgangssekt oder champagner, bei dem nur der Wein eines einzelnen Jahres verwendet wird, cuvétiert man dann die Grundweine aktueller Jahrgänge gemeinsam mit gereiften Weinen. Im Anschluss werden diese Grundwein-Cuvées mit Hefen und Zucker versetzt, in Flaschen abgefüllt und auf der Hefe gelagert. Und zwar eine gute Weile – so muss beispielsweise Champagner mindestens 18 Monate und Jahrgangschampagner sogar mindesten 36 Monate auf der Hefe rumliegen. Nach ihrer Reifezeit werden die gelagerten Flaschen dann ziemlich unsanft zum Leben erweckt sowie zum Schäumen gebracht, denn sie kommen in das so genannte Rüttelpult. Champagner und SektDiese Vorrichtung macht nichts anderes, als die Flaschen zu rütteln, zu schütteln und dabei langsam zu drehen. Die Flaschen stehen am Ende des Vorgangs auf dem Kopf, sodass die im Flaschenhals abgesetzten Hefen entfernt werden können. Die nun sprudelnden Weine werden schließlich noch mit maximal 15 Gramm Dosage, einer Mischung aus Wein und Zucker, aufgefüllt, was den Schaumwein weicher macht. Oder, um es mit Martins Worten zu sagen „Ein Dosage ist wie schminken.“ Die ungeschminkte I-woke-up-like-this-Variante stellen hierbei die extrem trockenen Zero Dosage Champagner und Sekte dar, bei welchen weniger als 3 Gramm Restzucker pro Liter enthalten sind. Am Ende des gesamten Herstellungsverfahrens werden die Flaschen dann verkorkt und ab geht es in den Verkauf und somit ins Glas. Und noch ein paar Worte zu den Bezeichnungen: Cava heißt ein solches, im Champagnerverfahren hergestelltes Fläschchen in Spanien, Spumante in Italien und Sekt im deutschsprachigen Raum.

Champagner und SektSo viel zu den Gemeinsamkeiten von Winzersekt und Champagner – doch wie sieht es mit den Unterschieden der beiden Flaschenbrüder aus? Zum einen unterscheiden Sekt und Champagner ihre regionale Herkunft und zum anderen bestimmte Richtlinien bei der Zusammensetzung sowie im Herstellungsverfahren. So darf Champagner sich nur dann diesen prestigeträchtigen Namen geben, wenn er in der Champagne angebaut, gekeltert und etikettiert wird, aus bestimmten Rebsorten – in der Regel Pinot Noir, Pinot Meunier und Chardonnay – besteht und im Champagnerverfahren hergestellt wird. Ein solches, wie Martin sagt „geniales Stück Arbeit“, ist beispielsweise der Brut Souverain des Traditionshauses Henriot, welchen es – Münchener Champagner-Lover aufgepasst! – in Geisels Weingalerie zu kaufen gibt. Frische Aromen, leichte Noten von roten Beeren und eine lang anhaltende, gut eingebundene Perlage machen nicht nur den Kopf frei, sondern der leicht pelzige, kalkige Geschmack ist auch typisch für einen originalen Champagner. Zum einen kommen diese Aromen von den charakteristischen Böden in der Champagne, welche extrem mineralisch und kalkhaltig sind. Zum anderen werden die Weine hier, im Mutterland der prickelnden Genüsse in über hundert Jahre alten und von uralten Pilzkulturen besiedelten Kellern gelagert. Champagner und SektDiese regionalen Voraussetzungen, also das Terroir, prägen den Geschmack des Champagners und machen ihn zum idealen Begleiter von Speisen mit Pilzen. Und das müssen nicht immer gleich Trüffel sein, denn „Rehrücken, Semmelknödel und dazu so schön schlotzige Rahmschwammerln“ sind laut Martin ein ideales Champagner-Essen. Eine Kombination, über die man auch in Anbetracht der anstehenden und mit kulinarischen Ausschweifungen daherkommenden Feiertage einmal nachdenken könnte. Doch zurück zum Liquiden, dem Henriot im Glase. Kalkhaltige Böden, eine lange Tradition und alte Keller machen Champagner zu einem „nicht kopierbaren Stück Handwerkskunst, für das es keine Alternative gibt“, so Martin. Wer knausrig sei und das Geld für guten Champagner nicht ausgeben wolle, solle es deshalb auch einfach bleiben lassen. Oder zu einem meist günstigeren, ganz anders schmeckenden und für sich stehenden Produkt greifen: Deutschem Sekt.

Champagner und SektZwei, jener Kategorie des deutschen Winzersektes angehörigen Exemplare sind ein Jahrgangssekt vom fränkischen Weingut Zur Schwane sowie ein Rieslingsekt der Sektmanufaktur Strauch aus Rheinhessen, welche beide – nochmals: Obacht, liebes München! – in der kleinen, feinen Weinhandlung und -bar Vintage Selection erhältlich sind. Der fränkische Jahrgangssekt Zur Schwane Brut besteht aus Schwarzriesling, Silvaner sowie 5% Spätburgunder, lag 48 Monate auf der Feinhefe und man merkt diesem gold- und bernsteingetönten Tropfen durchaus sein etwas höheres Alter an. So weist dieser aus dem Jahr 2007 stammende Sekt reife, volle und leicht oxidative Noten auf, welche an Karamell und überreifes Obst erinnern und so vielschichtig wie komplex die Zunge gleichzeitig fordern und erfreuen. Ein Sekt, welcher weniger für ausschweifende Champagner-Duschen geeignet ist und bei dem laut Martin der Schluckreflex fehle. Vielmehr ist der Brut perfekt für den glasweisen, gepflegten Genuss und trinkerfahrenere Wein-Liebhaber, die dem Rotkäppchen-Alter entwachsen sind.

Champagner und SektDer zweite deutsche Schaumwein kommt weitaus frischer daher. Der ganze 40 Monate auf der Feinhefe gelagerte Sekt aus Rheinhessen weist die knackige Säure der verwendeten Rieslingtrauben auf. Mineralische Noten lassen ihn am Gaumen schon fast salzig schmecken und im Abgang sind leicht rauchige Aromen erkennbar. Obgleich die Perlage hier auf den ersten Schluck beinahe übersprudelnd ist und dann recht schnell abflacht, kann man sich definitiv vorstellen, diesen flaschenförmigen Kracher an Silvester zu vernaschen und mit gutem sowie genussvollem Zug zu vernichten. Rieslings- und Jahrgangssekt – deutsche Schaumweine, welche sich untereinander komplett unterscheiden und sich auch nur schwer mit dem Champagner von Henriot vergleichen lassen. Ob dies nun als Apfel-Birnen-Dilemma oder als Nimm-Zwei-Apell anzusehen ist, bleibt dabei jedoch jedem selbst überlassen.

Champagner und SektWinzersekt und Champagner. Sprudelwässerchen, die zwar Brüder im Geiste – man denke an die Flaschengärung – sind, jedoch definitiv auch Brothers from other Mothers. Beide sind perlige Erfrischungen der besonderen Art, welche an Feiertagen oder zu weniger prickelnden Zeiten für den berühmten Spaß im Glas sorgen und ein hohes Potential für multiple Cheers aufweisen – und das ist, allen Theorien und Definitionsversuchen zum Trotz – doch schließlich das Wichtigste.

 

 

 

 

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