Weinsinnige Erkenntnisse #3: Roséwein

Weinsinnige Erkenntnisse #3: Der Martin, der Rosé und flaschenweise Liebe

„Rosé löst deshalb so Hassgefühle aus, weil sämtliche Idioten den wie Hugo saufen.“ – Passend zum Fest der Liebe, oder vielmehr der Verknalltheit, a.k.a. dem Valentinstag tauchen wir diesen Blog und unsere Zungenspitzen im Folgenden in tiefstes Rosa und widmen uns mit Herz und Gaumen dem Thema Roséwein. Wir, das sind mein heute thematisch korrekt und mit extra-herzigen, rosa Socken bekleideter Weinprofi Martin Zieglmeier, sowie meine Wenigkeit – ganz unromantisch und unrosa, aber bekleidet – als Profi am Glas sowie am Stift.

Weinsinnige Erkenntnisse #3: RoséweinBevor wir jedoch sämtliche Flaschen aufreißen und vor lauter Rosé im Hirn sowie diversen Herzchen in den Augen nicht mehr geradeaus laufen können, will ich doch ausnahmsweise etwas persönlicher werden und meinen überhaupt nicht rosigen Vorurteilen gegen dieses pinke Gesöff freien Lauf lassen. Roseee – ist quasi der Warmduscher-Wein, der weder rot noch weiß ist und nicht eimal den Mut besitzt, in dreckigem Orange daherzukommen. Roseeee – schon bei dem Namen tauchen vor meinem geistigen Auge Instagram-Bilder von goldig gebräunten, überbezahlten und unterqualifizierten Lifestyle-Bloggerinnen auf, die mit wehendweißem Top, Vintage-Designer-Jeans-Hot-Pants, Tigh Gaps und relativ wenig Toughness ausgestattet, in St. Tropez ein Glas Rosé als Accessoire in die Kamera halten, welches sie dann vermutlich sowieso nicht trinken werden, weil sie total healthy unterwegs sind und Angst vor den Alkoholkalorien haben. Im Glas selbst dürfen dann natürlich die aufgepiekste Erdbeere (katastrophal), die Eiswürfel (inakzeptabel) und womöglich das Minzblatt (kein Kommentar) nicht fehlen. Roseeeee – dieser Wein, der klassischerweise und ohne jegliche Klasse von diesen Mädchen – und Jungs ?! – getrunken wird, welche früher mit Polly Pocket gespielt haben, Diddlkarten getauscht haben (gab es die in den 2000ern überhaupt noch?) und bereits mit vier Jahren einen festen Freund hatten. Roseeeeee – passt ja wunderbar zu Moooooohw (mauve), Tooooohp (taupe) oder gleich zu Blöööööööö (bleu) wie blöd. Ich kann nicht verbergen, dass Rosé ein liquides Reizthema für mich ist, welches tendenziell erdbeerige und klebrig-süßliche Mädchen-Alp!-Träume hervorruft.

Weinsinnige Erkenntnisse #3: RoséweinKurz gesagt, wenn mir einmal jemand ungefragt Rosé – womöglich auf Eis – bestellt oder ins Glas schenkt, ist diese Person bei mir unten durch und ich bin weg. Einer der wenigen Menschen, die beim ungefragten Eingießen eine Ausnahme darstellt und von dem ich mir sogar den flaschendominanten Spruch „Du trinkst, was ich dir einschenke!“ gefallen lasse – ja, dabei auch noch vorfreudig mit dem Kopf nicke – ist Martin. Warum? Einfach aufgrund der bisherigen gutglasigen Erfahrung. Und so gebe ich nun auch im Folgenden mein Glas frei, konfrontiere mich mit meinen Ängsten und werde als so farbenprächtige wie süffige Bereicherung für mich selbst und die trinkende Welt den Gegenbeweis anstellen: Rosé ist keine Mädchenplörre, sondern ein echter Männerwein – beziehungsweise ein Wein für jeden erwachsenen und ernstzunehmenden Trinker. Und jetzt genug gehated. Let’s spread the love and open the bottles!

Weinsinnige Erkenntnisse #3: RoséweinUm nicht völlig unwissend zu trinken – auch wenn dies durchaus eine schöne Sache ist – sollte man sich zunächst fragen, was den Rosé überhaupt so verhängnisvoll Instagram-tauglich rosa färbt und sein lächerliches Schicksal bereits durch sein Aussehen vorbestimmt. Grundsätzlich wird Rosé immer aus Rotweintrauben hergestellt. Diese werden nach der Ernte allerdings nur für ein paar Stunden – und nicht wie bei einem Rotwein über mehrere Wochen hinweg – auf der Maische stehen gelassen. Auf diese Weise kommt der Saft nur für kurze Zeit in Kontakt mit den Tanninen, sprich Farbpigmenten, in den Schalen und erhält lediglich eine zarte, rote Tönung. Eine zweite Herstellungsmethode, laut Martin die „Königsklasse“,  ist ein so genannter Saignée, zu Deutsch „Aderlass“. Dabei wird bei der Rotweinherstellung der erste Saft, welcher nach etwa 12 bis 48 Stunden im Gärungsbehälter entsteht, abgezogen und vom übrigen Most, welcher Rotwein wird, separiert. Dieser so genannte Vorlauf, etwa 15% des gesamten Mostes, wird im Anschluss als Roséwein ausgebaut.

Weinsinnige Erkenntnisse #3: RoséweinNur um Verwechslungen zu vermeiden – Der Rosé hat auch noch einen Zwilling, nämlich den gleichermaßen rosa gefärbten Rotling, für welchen weiße und rote Trauben zusammen gekeltert und ausgebaut werden. Eine ähnliche Ausnahme wird auch bei der Rosé Champagner-Herstellung gemacht. Hier ist es zulässig den ausgebauten Weißwein mit etwa 5% Rotwein zu cuvetieren, um am Ende feinperlige rosa Brause im Glas haben zu können. Für ein Achterl mehr Wissen und „damit man noch ein wenig klugscheißern kann“ bringt Martin auch noch die Historie ins Spiel und geht auf das Mutterland oder die Keimzelle jeglicher rosaner Weinträume ein, nämlich das französische Tavel. Rund um diese südfranzösische Gemeinde wird nicht nur ausschließlich Roséwein vinifiziert, sondern das Gebiet bekam sogar in den 1930er Jahren eine A.O.C., eine Appellation d’Origine Contrôlée für ihre ganz speziellen Tropfen.

Weinsinnige Erkenntnisse #3: RoséweinSo viel zur Theorie. Schreiten wir nun zur Tat und somit der ersten unserer drei Flaschen, welche – den fairen Vergleich  zulassend – alle aus Deutschland stammen und das Thema in stufenweise ansteigender Stärke ins Glas und auf die Zunge bringen. Als Einstieg greifen wir instinktiv zur Milch oder besser gesagt zum Rosé vom Weingut Milch aus Rheinhessen, welcher zu 100% aus Spätburgunder-Trauben hergestellt wird und eine recht kräftige, rosa Farbe aufweist. Bereits beim ersten Schluck umschmeicheln leicht florale Noten und eine satte Rotbeerigkeit unsere Zungen und eine gewisse Süffigkeit lässt den Trinker ahnen, dass dieser Rosé vermutlich auch Weinanfängern ausgezeichnet schmecken würde. „Ein echter Frühlingswein. Locker im Abgang, unkompliziert und recht trinkig“, urteilt Martin. „Dazu ein Flammkuchen mit ordentlich Speck drauf oder auch ein bissl gegrillter Ziegenkäse mit Salat und der Wein geht runter wie nix.“

Weinsinnige Erkenntnisse #3: RoséweinDas tut er tatsächlich auch und deshalb schreiten wir gleich weiter zur nächsten Flasche, welche schon alleine aufgrund ihres schicken Etiketts und der lachsrosa Farbe sämtliche Instagram-Mädchenherzen höher schlagen lassen könnte. Der Name „Blutsbrüder“ ist dabei so gut gewählt wie brutal romantisch und ruft die schönsten, leinwandigen Sonnenuntergangserinnerungen hervor. Der Wein mit dem klangvollen Namen stammt vom Weingut Karl May – wie sollte es anders sein – im südlichen Rheinhessen, welches auf eine jahrhundertelange Tradition im Rebbau zurückblicken kann und heute nach ökologischen Richtlinien im Keller und im Weinberg arbeitet. Für seinen Rosé verwendet der Traditionsbetrieb Spätburgunder, Merlot sowie Cabernet Sauvignon und man könnte bei seinem blutigen Namen schon beinahe daran denken, dass die Herstellungsmethode des Saignée zum Einsatz kam. „Das ist doch mal ein geiler Rosé. Der hat ordentlich Frucht und Säure – so richtig zum Saufen.“

Weinsinnige Erkenntnisse #3: RoséweinTrotz seines Sauf-Potentials lohnt es sich definitiv die Nase sowie die Zunge ein wenig genauer ins zarte Rosa zu tauchen, denn die lebendige Säure wird von leicht würzigen Aromen wie Zimt, Kardamom, Kurkuma und Pfeffer sowie einer fruchtigen Note begleitet. „Dabei ist das ja noch nicht mal unbedingt ‘ne rote Frucht. Nicht sowas Lächerliches wie Erdbeere.“ Aufgrund seiner Würze und sogar leicht erdigen Aromen ist ein solch herausragender Rosé auch alles andere als ein terrassenschmückendes Accessoires für den Sommer. „Rosé ist für mich der beste Konterpart zu allen Gerichten mit Pilzen. Zum Blutsbruder einen g’scheiten Knödel mit Pilzrahmsoße und ich dreh durch.“

Weinsinnige Erkenntnisse #3: RoséweinDa ich solche bissfesten Schmankerln momentan nicht herzaubern kann und noch genug Zeit zum Durchdrehen bleibt, reiche ich Martin den nächsten, liquiden Tropfen, wobei sich nach den bisherigen, guten Erfahrungen eine gewisse Vorfreude bemerkbar macht. Diese verstärkt sich noch, als wir die geradezu satt-pink-gefärbte Flüssigkeit in die Gläser und die Kehlen kippen. Salzigkeit, Rosmarin, herbale Noten und fast rauchige, speckige Aromen explodieren auf unseren Zungen und okkupieren unsere Nasen. Dieser gar nicht mädchenhafte Rosé, welchen das Weingut Jürgen Hofmann mit der Familie Geisel in Tauberfranken keltert, ist laut Martin „eine echte Maschine, die so manch anderen Wein platt macht.“ Der kräftig gefärbte und ebenso schmeckende Tropfen ist im Saignée-Verfahren hergestellt und zu 100% aus Merlot-Trauben vinifiziert. „So ein Rosé ist ein ernstzunehmender Gegner für alles, was es sonst noch auf dem Markt gibt. Der hat das breite Kreuz vom Rotwein und die Feinheit vom Weißwein.“ Und, da Herr Zieglmeier langsam richtig auf den Geschmack und in Fahrt kommt, gibt es auch gleich mehrere Essens-Empfehlungen dazu – „Lachs auf der Haut angebraten mit so einem Rosé ist sexy. Oder ein Black Cod mit Mango Salsa. Oder auch ein ordentliches Brotzeitbrettl. Da hörst du nicht mehr auf zu fressen und zu saufen.“

Weinsinnige Erkenntnisse #3: RoséweinDas muss man auch gar nicht, denn schließlich ist so ein kleiner, feiner, rosafarbener Rausch doch etwas Wunderbares. Man bekommt völlig ohne die berühmte Brille oder sämtliche Märchenprinzen ein wenig Herzchenaugen und die gesamte Umgebung schaut so schön aus, dass man sie am liebsten für Instagram abfotografieren möchte #nofilter. Hach, lieber Rosé – du kannst tatsächlich eine prima Sache sein. Nullkommanull girly oder lächerlich, sondern eine echte Maschine in pinker Tarnung und ein Zungenkracher mit Leertrink-Potential. Vielleicht bestelle ich mir das nächste Mal auch einfach einen solchen Rosé, lächle ganz süß und freue mich darauf erst unterschätzt zu werden und dann weinsinnig und Glasrand-scharf sämtliche Gegner übers Kreuz, aufs Ohr oder über den Tisch zu hauen, beziehungsweise zu ziehen. Eine vinophile Taktik, die so manches Business zukünftig vorantreiben könnte.

Doch wir wollen ja im Hier und Jetzt bleiben und unser so fachkundiges wie weinsinniges Resümee ziehen. Die Flaschen sind leer, wir ein bisschen voll und der Beweis ist auch voll(!)bracht. Lieber Rosé, du siehst zwar wunderschön aus, aber bist trotzdem ein geiler Typ. Cheers und bis bald!

No click. No cheers. Und: Kein Schoppen ohne Shoppen.

Weingut Milch Rosé 2015: 6,20€ im Vintage Selection

Weingut Karl May Blutsbrüder Rosé 2015: 9,90€ über genussland.de

Weingut Jürgen Hofmann Claret Rosé 2013: 16€ in Geisels Weingalerie

Weinsinnige Erkenntnisse #3: Roséwein

Prosten und posten!

Schreibe einen Kommentar