Hochkarätige Tropfen & geschmackliche Erinnerungswelten

Ein Tasting mit der Scotch Malt Whisky Society im Pacific Times

Tief einatmen, mit offenem Mund – Zugegeben, wer als Neuling einem Whisky Tasting beiwohnt, der mag sich bei dieser Gepflogenheit im ersten Moment etwas skurril fühlen. Doch schnell überwiegt die aufregende Überraschung: Bei jedem Mal, wenn sich das Glas wieder zur Nase bewegt, gibt es etwas Neues zu entdecken. Spätestens als wir uns gemeinsam den ersten Schluck des Premiumstoffs genehmigen, sprießen unfassbar viele Aromen durch Mund, Gaumen, Nase, Hals und Kopf. Eine Wolke aus Genuss – rauchig und torfig, aber auch lieblich und bisweilen süß – die sich bis in unser Gehirn vorarbeitet und dort etwaige, längst verloren geglaubte Erinnerungen hervorruft. Sie sprießen wie Krokusse im Frühling. Ein Tasting mit der Scotch Malt Whisky Society ist immer auch eine Reise zu uns selbst. Nicht nur das lernen wir an diesem Abend in einem der wohl wichtigsten Spots der Münchner Barkultur: dem Pacific Times. Von einem der wohl besten Gastgeber Deutschlands: Barchef Andreas Till.

Das Zuhause des guten Whisky-Geschmacks

The Scotch Malt Whisky Society – alles begann damit, sich von den großen Namen der Branche unabhängig zu machen. Ein Gedanke, den auch unser Tasting-Gastgeber Andi an den liquiden Premiumprodukten und seinen Machern schätzt. Aber dazu später mehr. Andi begrüßt No Cheers No Story an diesem Abend zum exklusiven Tasting, um uns einen Eindruck von sechs aktuellen Abfüllungen zu geben. Seit rund drei Jahren richtet er die monatlichen Tastings der Scotch Malt Whisky Society aus und schenkt die besonderen, liquiden Geschmacksriesen auch im alltäglichen Barbetrieb aus. Warum er sich damals entschlossen habe, der SMWS in seinem Pacific Times ein Zuhause zu geben, wollen wir wissen. Er schätze den Gedanken, dass es bei den Abfüllungen nicht um große Namen, sondern ganz objektiv um Geschmackscharakteristika gehe, denen man in der familiären Gemeinschaft während der Tastings zusammen auf den Grund gehe. Im Fokus steht also wirklich die Qualität. Und der ganz individuelle Geschmack eines jeden Genießenden.

Den subjektiven Genuss im Fokus

Doch bevor wir uns in unsere Genießer-Rolle einfinden, versorgt uns Andi mit ein paar wichtigen Infos rund um die Hintergründe der Scotch Malt Whisky Society. 1983 von Phillip “Pip” Hills gegründet, war sie zunächst nur in Großbritannien aktiv. Heute sind es über 26.000 Mitglieder weltweit. Jede einzelne Abfüllung sei einzigartig, macht Andreas deutlich. Kein Fass gleiche dem anderen. „Eingeteilt wird nicht einfach nach den Namen der Destillerien, sondern in zwölf eigens festgelegte Geschmackskategorien. Blau beispielsweise steht für Abfüllungen, deren Aromen „oily and coastal“ anmuten, also zum Beispiel von küstennaher Meeresluft geprägt wurden. Salz und Jod sorgen für einen maskulinen und starken Geschmack. Das helle Violett beschreibt dagegen fruchtige, liebliche Whiskys, zum Beispiel aus den Highlands.“

Die Prozentefrage

Aber was ist eigentlich der Vorteil, wenn eine Gruppe ganze Fässer kauft? Immerhin kann ich als Fan einer Brand einen Whisky jederzeit in gewohnter Qualität erhalten. Weil bei der „massentauglichen“ Variante einfach viel verloren geht, erklärt Andreas Till. Das Stichwort laute „Fassstärke“. Kenner wissen: Gemeint ist damit, dass der Whisky eigentlich viel stärker aus dem Fass kommt, als wir ihn kennen. Bei der Fassabfüllung kann das Destillat tatsächlich noch einen Alkoholgehalt von bis zu über 70 Prozent haben. „In Schottland wird der Whisky meist mit 63,5 Prozent Vol. in die Fässer gefüllt“, erklärt uns unser Gastgeber. „Der Alkoholgehalt sinkt während der Reifung im Fass durch Verdunstung, da der Alkohol durch die poröse Fasswand diffundiert. Rund 1,5 Prozent an Alkohol verdunstet auf diese Weise im Jahr.“ Darüber hinaus werde der Whisky auf “Trinkstärke” reduziert – mit Quellwasser auf 40 bis 45 Prozent. Da der Boden gemeinhin sehr kalkarm sei, sei das Wasser in Schottland extrem weich, sagt Andi Till. Stilles Mineralwasser verwende man dagegen nicht. Wir merken uns: Hoher Alkoholgehalt sorgt dafür, dass unsere Nase betäubt wird und wir unter Umständen nicht alle Aromen in voller Intensität wahrnehmen. Üblicherweise übernehmen Destillerien also im Vorhinein die Verdünnung für den Endverbraucher. Nachteil für den Whiskyfan: Er hat keinen Einfluss auf den Grad der Verdünnung. Und damit auch keinen auf seinen individuellen Genussmoment. Bei der SMWS ist das eben anders.

Cask Strength? Ja bitte!

Dass Hersteller von Standardabfüllungen ihre Whiskys oft auf 40 bis 45 Prozent verdünnen, hat vor allem aber auch einen Grund: die Alkoholsteuer. Denn jedes Volumenprozent kostet. Kaufen wir die Spirits also in Fass-Stärke oder auch „cask strength“, können wir das Verhältnis selbst bestimmen und haben so die Möglichkeit, den Whisky in seiner reinsten Form und innerhalb unserer ganz subjektiven Geschmackswahrnehmungen zu erleben. Tropfen für Tropfen an die Stärke heran, die man selber als perfekt empfindet. Andi erklärt: Das Verhältnis 1:3 gilt dabei als klassischer Richtwert. Durch die Verdünnung von einem Teil Wasser auf drei Teile Whisky wird ein cask strength von rund 60 Prozent auf 45 Prozent reduziert. „Aber eben so, wie es einem selber schmeckt. Und darauf kommt es bei den Tastings der Scotch Malt Whisky Society an. Ein Stoff muss Spaß machen, besonders dann, wenn er etwas mehr kostet.“

Tastings mit der Scotch Malt Whisky Society erleben

Um ein Whisky-Tasting der Scotch Malt Whisky Society erleben zu können, muss man kein Mitglied sein. Jeder Whisky-Fan kann sich anmelden und für umgerechnet ca. 49 Euro (als Mitglied rund 40 Euro) sechs Hochkaräter der SMWS in besonderer Gesellschaft gleichgesinnter Spirituosenliebhaber verkosten. Die Jahresmitgliedschaft bei der SMWS kostet rund 76 Euro. Ganz so leicht ist es allerdings nicht an einen der begehrten Event-Plätze zu kommen. Die Treffen sind beliebt – nicht nur aufgrund der besonderen Atmosphäre. Wer rechnet, merkt schnell: Auch preislich lohnt sich so ein Tasting. Veranstaltungen gibt es mittlerweile in allen deutschen Großstädten wie München, Berlin, Köln oder Hamburg. Wer einen der begehrtesten Plätze zum Beispiel im Pacific Times erhält, der trifft meist auf bis zu 15 Gäste. „Mehr wären einfach zu viel, um die Tastings persönlich zu halten und sicherzustellen, dass die Gäste nicht nur mich, sondern sich auch untereinander gut verstehen“, erklärt uns Andreas Till. Viele kämen immer wieder, so entsteht eine fast schon familiäre Stimmung. Man sitzt zusammen, diskutiert über die einzelnen Abfüllungen, probiert und teilt seine Eindrücke mit den anderen. Um bei den Tastings mitreden zu dürfen, brauche es keine edle und teure Whiskysammlung im Keller, betont unser Gastgeber: „Jede Wahrnehmung ist wichtig. Es geht darum, sie zu teilen und so gemeinsam an seinen Geschmackserlebnissen zu wachsen.“

Von Kennern beurteilt

Aber was passiert eigentlich vor den Tastings, wollen wir von Andi Till noch wissen. Denn auch das ist ein besonderer Punkt, der die liquiden Kunstwerke der Society prägt, hatte unserer Gastgeber uns zu Beginn bereits verraten. Nach dem Aufkauf eines Fasses trifft sich ein sogenanntes Panel, bestehend aus zwölf Personen, das den „Stoff“ kategorisiert. Bis dieser aber verkauft wird, muss er einige Hürden meistern: Beim Panel entscheiden wechselnde Mitglieder anhand von diversen Kriterien, ob das Fass überhaupt die „Abfüllungs-Qualität“ erreicht hat. Erst dann kommen die Flaschen mit den Empfehlungen des Panels zu den Tastings.

Den „Stoff“ ohne Vorurteile erleben

Während des Tastings lernen wir von Andi: Alle vier Stunden wechseln sich die Riechkolben in den Nasenlöcher in ihrer Wahrnehmungsstärke ab. Also heißt es erst einmal: Den aktivsten Riechkolben dieses Abends identifizieren. Unsere Geruchserlebnisse so zu kanalisieren – am Anfang gar nicht so einfach für uns. Es gehört ein wenig Übung dazu. Als wir uns aber voll und ganz darauf einlassen, werden wir schnell belohnt: Eine Explosion an Aromen, die uns mal an das erste kindliche Popcornerlebnis im Kino erinnern, mal an den Geruch im liebsten Pralinenladen der Stadt. Dann wieder an einen Spaziergang im winterlichen Wald. Zwischendurch trinken wir Wasser, um die geschmacksgeladenen Whisky-Sorten voneinander abgrenzen zu können. „Nur Wasser, alles andere würde den Geschmack verfälschen“, mahnt Andi. „Das meiste passiert übrigens in der Nase. Tatsächlich schmecken können wir nämlich nur fünf verschieden Geschmacksqualitäten. Süß, sauer, salzig, bitter und umami – ein Geschmack, der sich am besten mit fleischig beschreiben lässt. Wie ein frisches Steak. Alles andere, wie zum Beispiel die Zitrusnote, spielt sich nur in der Nase ab.“

Aromen, die Geschichten erzählen

Von „young and spritely“ bis „heavily peated“ testen wir uns durch fünf Abfüllungen der Society. Und schmecken dabei von Pfirsich, über Schokolade bis hin zu Klebstoff und modrigem Gemäuer. So wird sich langsam gesteigert vom „weichsten“ bis zum „extrovertiertesten“ Whisky. Süße und wilde Aromen, wechseln sich mit leicht fruchtigen und bitteren Aromen ab. Eine Abfüllung erregt dabei unsere besondere Aufmerksamkeit – ihr Geschmack so lebhaft wie ihr Name und die Beschreibung, die wir dem Etikett entnehmen: „Truly a fairytale“ schmeckt in etwa so wie „Rumpelstilzchens Tanz ums Feuer“. Auch das sei übrigens eine der Aufgaben, die sich jede Tasting-Gemeinschaft stelle, erklärt uns Andi Till: Gemeinsam Namen (er)finden, die Geschichten erzählen. Und einen Einblick in den Geschmack des Whiskys geben, noch bevor das Glas zu Mund und Nase geführt wird. Erst nachdem wir die einzelnen Sorten verkostet und uns gemeinsam deren Geschmackswelten erarbeitet haben, verrät Andi, welche Destillerie sich hinter den Abfüllungen verbergen. „Oft folgen darauf spannende persönliche Erkenntnisse, auch für langjährige Whiskyliebhaber“, ergänzt er. Unser persönliches Highlight des Abends: Die Abfüllung mit dem wohlklingenden Namen „Moistify your leather“ – würzig und schokoladig. Andi erklärt: Der Stoff kommt aus einem Fass, das zuvor für Bourbon Whisky genutzt wurde. Das mache die Vanille-Note aus. Die entstehe, wenn beim Ausbrennen des Fasses Baumwolle im Spiel sei, so der Experte. „Die frische Zellulose karamellisiert und gibt dem Fass eine unvergessliche Note.

Jedes Tasting eine Reise zu sich selbst

Whisky – für Andreas Till ist das einfach eine sehr spannende Spirituose. Besonders, wenn es wie bei den Tastings der Scotch Malt Whisky Society rein um den Geschmack und dessen subjektive Wahrnehmung gehe. „Wenn du dich länger mit Whisky beschäftigst, dann kennst du irgendwann alle Standard-Abfüllungen. Du weißt, was du magst und was du nicht magst“, sagt Andi uns abschließend. „Das alles ist aber eben sehr geprägt von Vorurteilen, die man gegenüber den einzelnen Marken hat. Die Society sorgt dafür, Whisky ohne gedankliche Schranken zu erleben.“ Eigene statt von außen geprägte Empfindungen – und so ist jedes Tasting am Ende auch immer eine Reise zu sich selbst. Eine Reise zu sich selbst und den Erinnerungen, die die flüssigen Geschmackshochkaräter in uns heraufbeschwören. Ein Abend, an dem wir einmal mehr lernen, was unsere immer schneller werdende Welt uns manchmal auszutreiben vermag: In uns selbst hineinzuhorchen und unsere Sinneseindrücke klar zu formulieren. Eine Geschmacksreise mit der Scotch Malt Whisky Society, von der eben nicht nur eingefleischte Whisky-Liebhaber, sondern auch interessierte Whisky-Grünschnäbel unheimlich viel mitnehmen können.

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