Sp(i)rit of the moment – Die Bloody Mary und andere Wagnisse

Bett. Mittags. Erster Januar. Verdrehte Gedanken, ein dumpfes Kopfgefühl sowie ein fetter Kater plus jeder Menge Glitzer und/oder anderer Mitbringsel der letzten Nacht haben sich in unmittelbarer Nähe breit gemacht. Der Morgen danach und insbesondere der Morgen nach dem alten Jahr kann eine ziemlich anspruchsvolle oder auch noch Rest-volle Angelegenheit sein. In solchen Momenten sollten reuevolle Gedanken sowie Rekonstruktionsversuche des nächtlichen Geschehens oder des eigenen Aussehens energisch beiseite geschoben werden. Stattdessen lohnt es sich, das neue Jahr und den Kater zu umarmen und sich positiven, effizienten Dingen zuzuwenden. Genauer gesagt, gewagten Plänen für 2017 sowie aufrührerisch gerührten Drinks.

Bloody Mary in der Bar GarçonJawohl und zum Wohl! Drinks. Einmal ein extremes – aber erfahrungsgemäß wahres Argument –, das einzige Problem am Alkohol sei das Aufhören, außer Acht gelassen, sollte man sich auf eine lange Tradition unseres Kultur(!)kreises sowie ein seit Anbeginn der Cocktail-Geschichte beliebtes Getränk besinnen: Die liquide Kategorie der Corpse Reviver oder auch Pick me up-Drinks. Und, um das Ganze nicht exzessiv ausufern zu lassen – vom Exzess hatte man schließlich gestern genug – widmen wir uns im Folgenden einem ganz bestimmten „Aufweck-Trunk“. Einem Cocktail, welcher neben seiner vitalisierenden Wirkung auch noch ein paar andere, für das neue Jahr inspirierende Fähigkeiten mit sich bringt. Die Bloody Mary ist nämlich ein ebenso straighter wie widersprüchlicher Drink, dessen Namen, Herkunft, Zusammensetzung, Machart und auch die dargereichte Qualität so viele Variablen aufweist, dass man an der Mary entweder verzweifeln oder sie als Spielwiese für liquide sowie intellektuelle Interpretationen und Phantastereien ansehen kann.

Bloody Mary in der Bar GarçonUm die Herkunft dieses blutigen Kater-Killers kurz anzureißen und damit auch abzuschließen, kann man seine Entstehung trotz vieler liquider sowie narrativer Legenden in die Pariser New York Bar verorten. Hier solle Bartender Fernand “Pete” Petiot Anfang der 1920er Jahre die Ur-Bloody Mary, einen Drink aus Tomatensaft und Vodka kreiert haben, welchen Pete bei seinem späteren Auswandern in die USA mitgenommen habe. Da in den Staaten Vodka schwer erhältlich war und die Amerikaner anscheinend schon damals prüde waren, wurde die Vodka-basierende Bloody Mary zu einem politisch-korrekten Red Snapper mit Gin als Basis. Nachdem also der Startschuss für jegliche Variationen dieses Alkohol und Tomatensaft beinhaltenden Trunkes gefallen war, erfreute sich die Bloody Mary über die Zeit sowie territoriale Grenzen hinweg großer Beliebtheit. Und auch ihre Rezeptur wurde zu einem Grenzen niederreißenden Experiment für Bartendern rund um den Globus.

Bloody Mary in der Bar GarçonOb Gin, Vodka, Mezcal, Tequila oder – wie in unserem Fall Whisky – die wandlungsfähige Bloody Mary kann durch die zugegebenen Spirituosen, diverse Kräuter und Gewürze alle Geschmacksnoten, von süß über rauchig, bis scharf oder herzhaft aufweisen. Was allerdings immer eine ritzerote Konstante oder auch Mary’s blutiges Herz darstellt ist der Tomatensaft. Dieser fruchtig-pikante Filler ist im übrigen auch für die antioxidative und vitalisierend Wirkung dieses Corpse Revivers verantwortlich, denn Tomaten enthalten neben dem Carotin Lycopin jede Menge Mineralstoffe und Vitamine, welche Haut, Haar und Geist im Glasumdrehen straff, klar und strahlend machen.

Bloody Mary in der Bar GarçonDie Bloody Mary ist folglich der wandelbare Tausendsassa unter den Drinks, welche Bartender, in meinem Fall Mario aus der Bar Garçon, hochprozentig dazu anregt etwas zu wagen, auszuprobieren, die eigene Persönlichkeit, Kreativität und den eigenen Geschmack einzubringen, um so ein ganz besonders überraschendes Ergebnis zu Tage zu bringen – beziehungsweise im Glase zu rühren, zu schütteln oder zu rollen. „Inspiration ist für mich immer ein Ausprobieren und ein Wagnis. Man kann sich etwas Neues niemals nur im Kopf zusammenreimen, sondern muss es immer machen“, sagt Mario über seine Herangehensweise an die Bloody Mary im Besonderen und seine Drink-Kreationen im Allgemeinen. Dieses überkreuz Denken funktioniere jedoch nur, wenn man auch ein solides Grundwissen habe und wisse was man tue. Erst, wenn eine Basis vorhanden sei, könne diese neu geordnet und zu Neuem zusammengestellt werden. „In meinem Kopf werfe ich alle Ingredienzien von Drinks in ein Glas, schüttele alles kräftig durch, ziehe fünf Zutaten und versuche daraus etwas zu machen.“

Bloody Mary in der Bar GarçonEin solches, gezieltes Neuanordnen vorhandener Dinge ist nicht nur bei Marios Drinks, sondern auch in seiner Bar erkennbar und es verwundert bei genauerem Hinsehen nicht, dass der junge Bartender ein ausgebildeter Architekt ist. In dem kleinen Barraum bilden alte Designklassiker, selbst gezimmerte Möbel und eine lässige Prise Puristik eine so stilvolle wie gekonnte Harmonie, dass man sich weder sattsehen kann noch heimgehen möchte. Und vielleicht könnte man sogar das Gedankenspiel wagen, dieses Mix and Match-Prinzip auch auf Marios Leben zu übertragen, denn schließlich mischte er bei der Gründung der Bar Garçon im April 2016 seine Lebenszutaten, nämlich das hobbymäßige Bartenden und sein professionelles Architektendasein ebenfalls kräftig durch und zu einer ganz neuen Harmonie.

Bloody Mary in der Bar GarçonOb dieses Gedankenspiel nun in Anbetracht des sowieso schon brummenden Kopfes zu weit geht, bliebt jedem selbst überlassen. Sicher und schmeckbar ist jedoch, dass Mario bei seiner neu kreierten Bloody Mary-Variante ordentlich überkreuz dachte und mit einer gesunden Portion Mut zum Brett und zur Tat schritt. So bringt er die Bloody Mary-typische Herbe und Würze des pikanten Tomatensaftes mit der Süße und Eleganz eines anderen Drinks in Einklang, genauer gesagt dem Blood & Sand. Und ebenso wie bei diesem Klassiker Whisky und Wermut den Ton angeben, so verwendet Mario für seine keinesfalls vordergründig-ordinäre, sondern vielmehr unterschwellig-kraftvolle und feingliedrig-elegante Bloody Miss Stuart kräftigen Whisky als Basis und Wermut als Aromageber.

Bloody Mary in der Bar GarçonDabei kommt bei Marios aufrührerischer, kleiner Miss jedoch kein normaler Whisky zum Einsatz. Der findige Bartender verwendet vielmehr ein Produkt, welches quasi die Inkarnation des Querdenkens und Grenzen-niederreißenden Wagnisses ist. Schon auf der Flasche des Huxley, einer Blend, welche von der verrückten Whiskey Union erdacht sowie professionell gepunsht wurde, thront ein seltsames Fabelwesen. Bei diesem so genannten Mobsprey, einer Art Wolpertinger, wurde ebenfalls überkreuz gedacht, denn er ist eine biologisch zweifelhafte, aber mythologisch korrekte Kreuzung eines kanadischen Elchs, eines nordamerikanischen Luchs und eines schottischen Fischadlers. Und genau wie dieses Huxley-Leittier ist auch der Flascheninhalt selbst eine gewagte und phantasievolle Mischung aus zitrus-frischem, schottischen Scotch, kanadischem Whisky sowie süßlich-herbem, amerikanischen Whiskey. Dabei vereinen sich die territorialen und geschmacklichen Gegensätze zu einer aromatischen Mischung aus buttrigem Karamell mit einer pfeffrigen Würze, fruchtigen Noten und einem rauchigen Abgang, welche dem Trinker ordentlich zu schmecken und zu denken gibt und – je nach Dosierung – zu dem ein oder anderen inspirierenden Gedanken führen kann.

Bloody Mary in der Bar GarçonWelche Huxley-Dosis Mario nun im Vorfeld einnahm, bleibt sein Geheimnis – jedoch inspirierte ihn ebendiese liquide Kreuzung  dazu, die eher bodenständige Bloody Mary in eine weitaus erwachsenere, edlere, stil- und kraftvollere Bloody Miss Stuart zu verwandeln. Dabei ergänzt Mario die ungewöhnliche Whisky-Basis mit würzigem D.O.M. Bénédictine, bittersüßem Cocchi Vermouth sowie verschiedenen Bitters. Für eine subtile Schärfe dieses liquiden Teufelsbratens sorgt hingegen eine selbstgemachte Tinktur aus Mezcal, verschiedenen Pfefferarten, Koriander und Chili, welche den müden Trinker – gleich einer liebevoll gemeinten Watsch’n – aufweckt sowie seinen Magen und Geist erquickt.

Bloody MaryUnd spätestens, wenn man sich aus dem Kater-dominierten Bett herausgewagt, sich ab dem 3. Januar zu Mario an den Tresen gesetzt und seine – dem Adelstitel angemessen in einer Cocktailschale servierte – Bloody Miss Stuart getrunken hat, sollte man sich so gezielte wie verquere Gedanken machen, inwieweit es manchmal gut sein könnte, Erlerntes und Gewohntes um- und neu anzuordnen. Denn vielleicht ist es durchaus eine voranbringende Idee, Unbekanntes zu wagen, Grenzen – sei es im Kopf oder auf der Welt – stilvoll und gezielt zu übergehen und durch planvolles überkreuz Denken zu neuen Harmonien und niemals erahnten Mixturen zu gelangen. Und – seien wir einmal ehrlich – ein wenig grenzenloses und aufrührerisches Denken kann im kommenden Jahr auf dem Tresen und im Glase genauso wie in den Köpfen und auf der Welt nur Gutes hervorbringen.

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Bloody Mary in der Bar Garçon

 

Marios Bloody Miss Stuart:

4 cl Huxley

1,5 cl D.O.M. Bénédictine

1 cl Cocchi Vermouth

Bitters (Sellerie, Angostura, Orange)

hausgemachte Spice-Tinktur auf Mezcal-Basis (u.A. mit Pfeffer, Koriander, Chili)

Worcester Sauce

8 cl Tomatensaft

Du hast noch nicht genug von Marios Mary? Dann lies hier mehr über seine kleine, feine Bar und sein untrügliches Gespür für liquide Harmonien sowie glasfüllende Kunstwerke!

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