The History of the Martini

Sp(i)rit of the MomentDer Martini. Wandelbarer Filou und unvergänglicher König.

Churchill trank ihn, Hemingway liebte ihn, Roosevelt mixte ihn sogar selber und James findet ihn einfach „leiwand“. Manchmal besteht er aus Gin, dann wieder aus Genever oder Vodka. Mal ist er knochentrocken, mal dreckig oder nass und von Zeit zu Zeit kommt er auch mit einem süßen Augenzwinkern daher. Ob mit herber Olive im Herzen oder frischer Zitruszeste am Rand, gerührt oder geschüttelt – er wird und wurde schon immer getrunken. Der Martini.

The History of the MartiniDoch woher kommt dieser von Politikern und Lebemännern, Erfolgreichen und Reichen, Filmlegenden und Flittchen, Ganoven und Geheimagenten favorisierte Drink? Woher kommt diese so wandelbare wie schlüpfrige Cocktail-Kreatur, die sich hartnäckig und verlässlich an den Tresen der vergangenen Jahrhunderte hielt – mit einer unbeständigen Beständigkeit und einer chamäleonartigen Wandelbarkeit? Mal unter falschem Namen, mit ablenkendem Beiwerk, in verschiedenen Glasgewändern oder mit ganz neuen Proportionen. Und doch ist er niemals gänzlich verschwunden, sondern scheint mit der Geschichte der Mixology so untrennbar verwoben und vermischt, wie es Wermut und Spirituose in seinem Körper sind. So ist auch der Blick auf die Vergangenheit dieses unverwüstlichen Glas-Gesellen gleichzeitig ein Exkurs in das Herz der Cocktail-Historie und auf den Boden der Bargeschichte.

The History of the MartiniDenn nicht zuletzt sein traditionelles Behältnis, das spitz zulaufende Coupette-Glas, gilt als Sinnbild des Cocktails an sich und stellt durch seine dreieckige Form ein Symbol für die Unendlichkeit – die Verschmelzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – dar. Es lohnt sich also durchaus einen genaueren Blick auf den Martini zu werfen, der in kräftigen Sips die liquide Geschichte durchtränkte. Im Folgenden wollen wir also geistig und gehaltvoll ins Coupette-Glas eintauchen, wobei Oliver von Carnap für ein wenig flüssige Wegzehrung und professionelle Unterstützung sorgen wird. Schließlich spielt Cocktail-Profi Oliver nicht nur im Logo seiner Madam Bar mit dem Martini-Glase, sondern vermag es auch am Tresen diesen liquiden Verwandlungskünstler hochprozentig am Schlawittchen zu packen und kräftig durchzurühren oder zu -schütteln.

The History of the MartiniUm an den Ursprung des Martini zu kommen, sollte man sich die Materie selbst, nämlich seine grundlegenden Bestandteile vor Augen und zu Gemüte führen. Es sind Spirituose und Wermut, wobei Erstere über die Jahre und durch sämtliche Moden hindurch variierte und Letzterer ein mit Kräutern angesetzter und gezuckerter Wein ist. Und genau dieser Wermut war es, der die Entstehung des Martini erst möglich machte. Als in den 1850er Jahren die ersten Lieferungen des roten und süßen, italienischen Wermuts an die Ostküste der USA schwappten, wurden sie nicht nur von den italienischen Einwanderer mit offenen Armen und leeren Gläsern in Empfang genommen, sondern auch Bartender fanden Gefallen an dem süßen, aromatischen Trank – schönte er doch, gezielt eingesetzt, die ein oder andere weniger hochwertige Spirituose und sorgte durch seine samtige Süffigkeit für einen guten Trinkfluss bei manchem, strengen Cocktail oder Gast. Besonders die Turiner Firma Martini & Rossi, welche ab 1863 auf dem amerikanischen Markt erhältlich war, erfreute sich seinerzeit großer Beliebtheit und so kann durchaus vermutet werden, dass auch der Name des später entwickelten Cocktails auf diesem It-Wermut beruht.

The History of the MartiniNachdem der Wermut nun im Lande und in greifbarer Nähe war, lag es natürlich auf und in Bartender’s Hand, den allgegenwärtigen Whiskey mit dem italienischen Gaumenschmeichler zu vereinen und abzurunden. So findet man in der New Yorker Zeitung The Olean Democrat im Jahre 1882 innerhalb eines – heute würde man sagen – Lifestyle-Artikels die Worte: „It is but a short time that a mixture of whiskey, vermouth and bitters came into vogue.“ Der Democrat kannte sich anscheinend gut mit dem Trinken aus, denn nur zwei Jahre später führte der Barmann O.H. Byron in seinem Cocktailbuch The modern Bartender’s Guide ein erstes Rezept für einen Drink aus Wermut, Whiskey sowie Bitters an, welchen er Manhattan nannte. Und schon hier, beim Manhattan, der quasi als Vater des Martini betrachtet werden könnte, hatte die Wandelbarkeit und eine gewisse weg-Schlüpfrigkeit seinen Ursprung, denn O.H. Byron gab nicht nur eine, sondern gleich zwei, sich unterscheidende Versionen des Manhattan an: Eine süße Variante, welche den beliebten italienischen, roten Wermut enthielt und eine herbe Variante, bei welcher ein ganz neuer, französischer Wermut dem Whiskey im Glase entgegentrat. Dieser französische Wermut war mit weniger Zucker versetzt, von klarer Tönung und nicht – wie der italienische Wermut – mit braunem Zucker rot eingefärbt.

The History of the MartiniDer gute Mr. Byron verführte oder verwirrte unterhalb dieses Doppel-Rezeptes den durstigen Mixologen sogar noch mit einer dritten Variablen, welche unserem Martini schon ein wenig mehr glich und deshalb als großer Bruder desselben angesehen werden könnte. Denn dieser sogenannte Martinez Cocktail sei „same as Manhattan, only you substitute gin for whiskey.“ Der Gin wäre nun drin. Doch O.H. Byron macht es uns Martini-Suchenden nicht leicht, denn schließlich gab es zwei Manhattan Varianten – die süße und die trockene –, welche folglich auch zu zwei Martinez Varianten führen mussten – eine mit rotem, italienischem Wermut und eine mit weißem, französischen.

The History of the MartiniEs ist stark anzunehmen, dass beide Martinez Varianten ihren Weg in die Bars und die Kehlen der Gäste fanden, denn nicht nur der Durst des Menschen nach Neuem war schon immer derselbe, sondern auch die Barmänner liebten es vermutlich damals wie heute ein wenig herumzuexperimentieren und die eigene Expertise sowie den eigenen Sp(i)rit mit einfließen zu lassen. So findet sich in der Zweitausgabe von Jerry Thomas’ Bartender’s Guide, welcher 1887 publiziert wurde, eine süffig-süße Variante des Martinez, bei welcher der damals beliebte Old Tom Gin mit rotem Wermut, Bitters und Maraschino im Glase vereint wurde. Dieser Old Tom, ein leicht gesüßter Gin, welcher zur damaligen Zeit sehr populär war, geriet für viele Jahrzehnte in Vergessenheit bis er in den letzten Jahren wieder entdeckt und -hergestellt wurde, sodass auch Oliver von Carnap – welch’ Glück für jeden klassischen Trinker – Jerry Thomas’ Martinez zur Vollendung bringen kann.

The History of the MartiniHierbei wählt der erfahrene Barmann einen besonders hochwertigen Old Tom Gin des traditionsreichen, französischen Herstellers Cognac Ferrand. Für diesen, erst seit Ende letzten Jahres auf dem Markt erhältlichen No Mistake Old Tom Gin wird ein gereifter Citadelle Réserve Gin mit einem „Aged Sugar“ – ein karibischer, brauner Zucker, welcher mit einem kleinen Anteil Gin gelagert wurde – versetzt und für einige Monate gereift. Auf diese Weise entsteht eine vielschichtige, zugleich blumig-würzig und holzig-warm schmeckende Blend, welche perfekt zum roten Wermut passt. So ist Ollie’s oder vielmehr Jerry’s Martinez ein süßlich-herber Gaumenschmeichler, welcher in kleinen Schlucken genossen so ausgewogen und körperreich daherkommt, dass man ohne es zu merken das Glas geleert hat und nach mehr verlangt. Ein solcher Martinez ist noch heute ein perfekter Digestif, der weniger zielstrebig-trocken, sondern vielmehr elegant-rund und von einer leichten Frische geprägt jeden Barabend zu einem bittersüßen Spiel macht.

The History of the MartiniDoch auch die verführerischsten Schokoladenseiten am Tresen und im Leben sind nicht immer ertragbar. Es dauerte also nicht lange, bis der so trockene wie starke Bruder des Martinez erschaffen wurde und sich seinen angemessenes Platz in der Barwelt erkämpfte. Etwa zehn Jahre nach Jerry Thomas’ Old Tom-Martinez berichtete der New York Herald über eine ganz neue Mode, nämlich einen Martini-Drink, welcher mit französischem Wermut und einer salzigen Olive genossen wurde. „There is a drink made up of equal parts of French vermouth and Plymouth gin with a dash of orange bitters. This is preferred by many to the combination of Italian vermouth and Tom gin. Cocktails are no longer contain the cherry at the bottom of the glass (…). The present demand is for the dry, and it is considered that an olive is the best substitute for the sugary fruit (…).“

The History of the MartiniDry war high und trocken war schick. Und so dauerte es auch nicht lange, dass dieser neue It-Cocktail den Weg von der Bar ins Buch fand, genauer gesagt in William Boothby’s The World’s Drinks And How To Mix Them von 1908. Hier ist ein Dry Martini angegeben, welcher beinahe die Inkarnation unseres heutigen Martini ist, allerdings noch mit Cocktail-Bitters abgeschmeckt und einem sehr viel höheren Anteil französischen, trockenen Wermuts als heute üblich dargereicht wurde.

The History of the MartiniUm einen solchen, classy Darling in seiner Madam Bar zu mixen und die Unsterblichkeit dieses All-Time-Favorit angemessen in die Coupette zu bannen, greift Oliver von Carnap gerne zum Réserve aus dem Hause Ferrand. Dieser so frische wie würzig-florale Gin lagert sechs bis acht Monate in Fässern verschiedenster Holzarten sowie in alten Cognac- und Pineau-Fässern. Geprägt durch diese Reifezeit bringt der Réserve bereits von sich aus genug Körper mit, um dem trockenen, französischen Tropfen und der salzigen Olive souverän entgegenzutreten, sodass dem Trinker damals wie heute das Wasser im Munde zusammenläuft und die Behauptung, der Martini sei der König der Cocktails, gar nicht mehr so abwegig erscheint.

The History of the MartiniAber der Mensch neigt schließlich manchmal zu Extremen und gerade nach den Weltkriegen waren die Zeiten nicht gerade rosig. So schnallte also auch auch der Martini den Gürtel enger, nahm lediglich einen kleinen Hauch Wermut für sich in Anspruch, verzichtete so puristisch wie zielstrebig auf Cocktail-Bitters und des öfteren auch auf die Olive, sondern schmückte sich statt dessen lediglich mit einer so sauren wie akkuraten Zitronenzeste. Ein solcher Bone-Dry Martini war insbesondere in den 1950er Jahren en vogue und auch der stets infüsierte und inspirierte Literat Ernest Hemingway bevorzugte eine solche, knochentrockene Variante, welchen er sich – natürlich nur einem Zitat des Generals Montgomery nachempfunden – im Verhältnis fünfzehn zu eins ins Glas und in die Kehle goss.

The History of the MartiniDamit jedoch der Bone-Dry, ein recht starker und strenger Cocktail-König, nicht zu einem verbitterten, scharfen Tresen-Tyrann wird, gilt es ganz besonders auf das Herz desselben zu achten – sprich, den Gin sorgfältig auszuwählen. Oliver von Carnap verwendet für seine Variante den mit neunzehn Kräutern aromatisierten Citadelle Gin von Ferrand, welcher – in der Nase duftend-floral und am Gaumen ausgewogen-elegant – ausreichend Charakter, genug Weichheit sowie ein erfrischend-trockenes Finish mit sich bringt, um die Alleinherrschaft in der Coupette antreten zu können. Denn eine solche, alleinige Herrschaft hat der Gin bei Oliver tatsächlich. Der Martini-Profi wäscht nämlich lediglich das Rührglas mit wenigen Tropfen trockenen Wermuts aus, sodass nur noch eine Ahnung des weißen Weindestillates auf der Zunge zu spüren ist.

The History of the MartiniNachdem der Martini bereits zum Klassiker avancierte, konnte es auch nicht lange dauern, bis er in den kaufkräftig-werdenden 1960er und 1970er Jahren zum flüssigen Marketing-Instrument einer bekannten Vodka-Marke wurde. Doch sogar die Tatsache, dass man ihm das Gin-Herz aus der Brust riss und es durch Vodka ersetzte, trug der wendige Drink mit Fassung –, um nicht zu sagen „er konnte es eben einfach tragen.“ So fand der Martini auch mit Vodka zubereitet seine hochkarätige Fangemeinde und sogar seinen ersten Agenten. Denn nicht zuletzt James Bond, der treffsichere und elegante Filou, sah in einem Vodka Martini keinesfalls eine Nullnummer, sondern bestellte bereits im Jahre 1965 im Film Goldfinger eine solche, geschüttelte Kreation – ob als Marketing-Gag oder, weil er sich diverse, goldige Damen noch schöner trinken wollte, sei an dieser Stelle unkommentiert in den Barraum gestellt. Sicher ist zumindest, dass er der russischen Spirituose als Endgegner im Glase nicht abgeneigt war, denn bereits 1951 kreierte er in der Roman-Fassung von Casino Royale die Vesper, welche aus drei Teilen Gin, einem Teil Vodka, einem Schuss Kina-Lillet sowie einer Zitronenzeste die hochprozentige Übermacht des Britischen im Glas manifestierte und somit eine für James angemessene Erfrischung darstellte.

The History of the MartiniNicht zuletzt diese Vodka Version sowie die trockenen Martini Varianten wendeten ihrem großen Bruder, dem Martinez, gänzlich den knochigen Rücken zu, zogen an ihm vorbei und eroberten selbstständig und souverän die Tresen der Welt. All diese Varianten beweisen, dass der subtile Verwandlungskünstler, damals wie heute, ein herausfordernder Provokateur im Coupette-Glas sein kann, denn schließlich lassen seine Ingredienzien – so einfach sie auch sind – genug Spielraum für eigene Interpretationen und Inspirationen. Wobei nicht zuletzt der rückwärts gewandte Blick in die Historie Bartender und Mixologen ins Schwärmen und Shaken geraten lassen kann.

The History of the MartiniSo kreiert auch Oliver von Carnap, als wahrlich krönenden Abschluss dieses Exkurses, eine Variante des Cocktail-Königs, welche – als Hommage an seine Anfangszeit und liquide Verwandtschaft – Cocktail-Bitters beinhaltet. Für seinen sinnigerweise Around World and Time genannten Martini wird der in kleinen Chargen hergestellte Magellan Blue Gin aus dem Hause Ferrand mit magischen, sieben Tropfen von Dr. Sour’s Lavendel Bitters versetzt, welche den blumigen und mit Gewürznelken, Schwertlilie, Paradieskörner, Zimt und Orangenschale aromatisierten Gin perfekt ergänzen.

The History of the MartiniAls so wehmütige wie verheißungsvolle Dreingabe dient der weiße Burschik’s Klassik Wermut, welcher in Gedenken an die süßen Jahre des Martini keinesfalls trocken, sondern von einer feinen Fruchtigkeit geprägt ist. Und auch die Dekoration, eine getrocknete Zitronenscheibe erinnert an das im originalen Martinez verwendete Orange-Bitter sowie seine ursprüngliche Zitronenscheiben-Viertel-Garnitur und stellt gleichzeitig die Verbindung zur strengen Martini-Zitruszeste unserer Tage dar. Die getrocknete und fast ewig haltbare Zitrusfrucht könnte darüber hinaus auch als Sinnbild der Unvergänglichkeit des Martini angesehen werden, welcher around world and time die Bartender und Trinker gleichermaßen begeisterte und inspirierte.

The History of the MartiniDer Martini. Ein Drink, welcher mit der Geschichte des Cocktails so eng verwoben ist, dass man beinahe meinen könnte, er sei die Inkarnation des Cocktails selbst. Ein fabelhafter, liquider Bursche, welcher, mal als König, mal als knochentrockener Geselle, immer und überall zu finden ist. Dieser Martini, der lässig am Tresen stehend, zu jeder Zeit eine gewisse, reizvolle Undurchsichtigkeit in sich trägt, für keinen Überraschungsmoment zu schade ist und einen immer wieder zu den manchmal verhängnisvollen und machmal schicksalhaften Worten greifen lässt: „Einen Martini, bitte.“

 

Der Around World and Time von Ollie

10 ml Burschik’s Klassik Wermut (weiß und süß)
50 ml Magellan Blue Gin
7 Tropfen Dr Sour’s Lavendel Bitters
Ein getrocknetes Limettenrad mitrühren und ein weiteres als Garnitur dazugeben.
No click. No cheers.: madam.bar
The History of the Martini
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