Sebastian Schneider, der Brandambassador of the year

Sebastian Schneider – Shaken, Shakern und die bittere Seite der Medaille

The bitter the better? – „Wenn man seinen ersten Schluck Fernet-Branca trinkt, ist das schon etwas gewöhnungsbedürftig. Es schmeckt halt ungewohnt bitter.“ – Und genau diesen, im ersten Moment gewöhnungsbedürftigen Geschmack macht Sebastian Schneider sämtlichen Bartendern und Tresenprofis schmackhaft. Genau jenen, bitteren Noten verhilft er mit seinem unverwechselbaren Schneider’schen Charme, ein paar Kurzen, sowie kurzweiligen und Schluck-starken Argumenten zu einer gesichtsverzerrenden, aber herzerwärmenden Popularität. Dabei ist es sicherlich kein Zufall, dass sich Sebastian einem Produkt verschrieben hat, das keinesfalls ein Dauerbrenner in den Kehlen spirituosenaffiner Genießer und in den Shakern angesagter Mixologen war. Denn es ist seine Leidenschaft, Neues und manchmal auch Vergessenes für sich und andere Menschen zu entdecken und Verstaubtem zu neuem Glanz und Ruhm zu verhelfen – und sicher hat ihm auch diese Begeisterungsfähigkeit und dieser hochprozentige Pioniergeist den Award als Brand Ambassador des Jahres eingebracht.

Sebastian Schneider, der Brandambassador of the yearOb heute als bitterer Markenbotschafter oder früher als brettstarker Bartender – Sebastian liebt den Kontakt mit seinem Gegenüber und die daraus resultierenden, neuen Erfahrungen. Er versucht fortwährend seinen eigenen Horizont zu erweitern, sich weiterzubilden und über den Teller- beziehungsweise Glasrand zu schauen. Und auch seinen Kollegen am Tresen will er ermöglichen, der bitteren Wahrheit ins Gesicht zu schauen und neue (Geschmacks-)Erlebnisse zu erlangen. Eigentlich erstaunt es bei so viel pädagogischem und liquidem Pioniergeist auch nicht, dass der heute shakende, manchmal shakernde und stets Shots verteilende Sebastian eigentlich gelernter Erzieher ist. Aber noch während seiner Ausbildung zum Pädagogen – zu dieser Zeit jobbte er an der Bar des Café Extrablatts in Hagen – merkte er, dass der Kindergarten doch nicht ganz sein Terrain ist, sondern er die Gastronomie und Barwelt als Spielwiese bevorzugte. „Ein Bartender ist nichts anderes als ein Erzieher für Erwachsene.“ Und so beschloss Sebastian von nun an pädagogisch wertvoll zu pouren sowie Menschen liquide zu erfüllen und begann eine Weiterbildung an der Barschule in Rostock.

Sebastian Schneider, der Brandambassador of the year„Ich habe mich damals in die Barszene verliebt und daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Einmal Gastro, immer Gastro.“ Nach Beendigung der Barschule schloss sich Tresen-Anwärter Sebastian seinerseits einem befreundeten Bartender, seinem „Mentor“ an und begleitete ihn an verschiedene Tresen in Österreich sowie im Allgäu. Nach diesen gemeinsamen Wanderjahren wurde Sebastian dann erst einmal sesshaft und trat eine Stelle in „einer gehobenen Bar“ in Duisburg an. Hier kam Sebastian, der noch etwas grün um die Ohren und eher bodenständig als artistisch am Brett war, in Kontakt mit dem Barzirkel Ruhrgebiet und der zu dieser Zeit aufstrebenden Mixology. Ein so verhängnisvolles wie schicksalshaftes Zusammentreffen, denn „damals wurde die Bar dann endgültig zur Sucht für mich.“ Sebastian spürte einen bisher noch nie dagewesene Durst – nach liquider Weiterentwicklung, neuem Sp(i)rit und Wissen. „Ich hab jede Sekunde genutzt und vor Schichtbeginn stundenlang nur Bücher zum Thema Bar und Spirituosen gewälzt.“ 

Seine im wahrsten Sinne des Wortes ver-Buchten Stunden zahlten sich aus, denn schon bald trat er seinen ersten Job als Barchef im Van der Valk Hotel in Düsseldorf an und brachte nun – als Abwechslung zum Lesen – sein erstes, eigenes Werk zu Papier. Oder vielmehr schrieb er seine erste, eigene Barkarte, die „so dick war wie ein Buch, da ich zu wirklich jedem Drink entweder seine Geschichte oder die Inspiration hinter dem Rezept schilderte.“ Durch seine ausführliche Auseinandersetzung mit der liquiden Materie und hochprozentigen Historie rückten bei Sebastian auch vermehrt Klassiker wie Old Fashioned, Manhattan oder Sazerac in den Fokus sowie ins Glas und auch die Faszination für Bitters und bittersüßen Wermut wurde zum gerührten und geshakten Thema. In dieser Zeit erwachte auch Sebastian’s Liebe zu unentdeckten oder in Vergessenheit geratenen Flaschen und so wurde es für ihn beinahe zum Sport, gemeinsam mit einem Kollegen jede Woche einen anderen, verstaubten Kräuterschnaps aus irgendeinem, hinteren Regal-Eck kleiner Spirituosenhandlungen auszugraben und zu verkosten. „Ich hatte schon immer diesen Faible für so alte, vergessene Schätze, die sonst keiner trinkt.“

Sebastian Schneider, der Brandambassador für Fernet-BrancaUnd einen solchen, in Vergessenheit geratenen, liquiden Schatz, welcher selbst bei ihm Zungenkribbeln, Kopfzerbrechen und Herzklopfen auslöste, sollte Sebastian auch schon bald in die Finger sowie die Kehle bekommen. Nachdem er den Posten als Barchef im Van der Valk Hotel gegen einen Job in der Düsseldorfer Bar LIQ getauscht hatte, kam er bei einem Gin-Wettbewerb ins Weltmeisterschaftsfinale und durfte für sieben Tage nach Cognac reisen. Innerhalb dieser Woche lernte Sebastian auch den so berühmten wie trinkfreudigen, kanadischen Bartender Shawn Soole kennen und kam mit ihm, beziehungsweise seinem Flachmann in engen Kontakt – ein Aufeinandertreffen, welches schicksalshaft für Sebastian’s weiteren Weg sein sollte. Shawn zog besagten Flachmann nach jedem Restaurantbesuch der Teilnehmergruppe aus seiner Westentasche und genehmigte sich einen gehörigen Schluck, was sofort Sebastian’s Neugierde weckte. „Wie cool kann man eigentlich sein. Angefangen bei Shawn Soole’s Namen, seiner Attitude und dann hatte er auch noch diesen Flachmann. Als ich mich schließlich dazu durchrang ihn zu fragen, was er sich da eigentlich immer als Digestif genehmigte, sagte er mit seiner Ölfass-Stimme nur: Fernet-Branca.“ 

Sebastian Schneider, der Brandambassador für Fernet-BrancaNachdem der Kanadier den wissensdurstigen Sebastian von seinem bitteren Tropfen kosten ließ, gab es kein Halten mehr. „Das schmeckte einfach komplett anders als alles, was ich vorher getrunken hatte. Ich liebe dieses Produkt von Anfang an mit ganzem Herzen.“ Sebastian hatte Blut oder vielmehr Bitterkeit geleckt und kaufte nach seiner Rückkehr nach Düsseldorf einen ganzen Karton des Mailänder Amaro, welcher in Deutschland als „etwas aus der Mode geraten und nicht besonders attraktiv“ galt. Der Barmann füllte die Spirituose in eine Dash-Flasche ab und begann von nun an seinen liquiden Kreationen so gezielt wie treffsicher bittere Tropfen ins flüssige Herz zu setzen. Und so kam es wie es kommen musste. Als Sebastian erfuhr, dass die Stelle des Markenbotschafters seiner Lieblingsspirituose frei wurde, zögerte er nicht lange. Sofort bewarb er sich bei der italienischen Marke, beziehungsweise bei BORCO, dem exklusiven Distributeur von Fernet-Branca in Deutschland sowie Österreich und –, da das Leben schließlich nicht immer nur bitter ist – wurde auf Anhieb genommen. Und so verließ Sebastian Schneider im August 2014 den Platz hinterm Tresen, um von nun an gemeinsam mit BORCO ganz offiziell und offensichtlich Bitterkeit in die Welt, auf die Zunge und in die Bars zu bringen.

Sebastian Schneider, der Brandambassador of the yearNach dem Motto „der Schneider erzählt dir was über Bitterkeit“ hielt er in den ersten zwei Jahren seiner Tätigkeit – ganz pädagogischer Pionier – Seminare über die gustatorische und olfaktorische Wahrnehmung des Menschen sowie Bitterstoffe ab und richtete Gastschichten in bekannten Bars im deutschsprachigen Raum aus. „Ich versuchte auf legale Art die Bartender zu manipulieren, was größtenteils auch geklappt hat.“ Neben dieser charmant-manipulativen Art war es jedoch bestimmt auch eine – eben nicht bittere –Tatsache, welche seine Zuhörer faszinierte und zum Nachdenken und Nachtrinken anregte. Denn schließlich reagieren wir auch deshalb besonders empfindlich auf bitteren Geschmack, weil wir heutzutage so gut wie keine Bitterstoffe mehr durch unsere Nahrung zu uns nehmen. Diese unangenehmen Aromen wurden nämlich gezielt aus Obst oder Gemüsesorten wie Zucchini, Rucola und Co. gezüchtet, um vom Verbraucher in rauen Mengen konsumiert werden zu können. Verwöhnt von Nahrungsmittel-Luxus und auf der Schokoladenseite lebend sind wir es also schlicht und einfach nicht mehr gewöhnt, dass Essen und Leben auch mal bitter und ziemlich „bäh“ sein können. „Eine der wichtigsten Sachen in der Gastronomie und am Tresen ist der Geschmackssinn. Dadurch, dass man sich gegenüber Bitterstoffen verschließt, verliert man einen enormen Teil der Sensorik.“ Das Vermögen, bitter zu schmecken, könne vielmehr trainiert werden wie ein Muskel und verhelfe dem professionellen Trinker und genussfreudigen Gourmet somit zu einer Erweiterung des gesamten Geschmackssinn, so Bitter-Experte Schneider. „Ich habe bei meinen Seminaren und Konzepten für Fernet versucht so zu denken wie jemand, der diese Spirituose nicht mag. Ich will bei meiner Tätigkeit und sämtlichen Aktionen als BA immer authentisch bleiben und nur das machen, was ich auch für machbar halte und als Barmann unterschrieben hätte.“

Sebastian Schneider, der Brand Ambassador für Fernet-BrancaZu einer solchen Kampagne gehörte beispielsweise die von Sebastian initiierten Hanky Panky-Nights, welche in den vergangenen zwei Jahren an jedem Adventssonntag in einer anderen Bar im deutschsprachigen Raum abgehalten wurden. „Der Hanky Panky ist eine alte Cocktail-Kreation mit Fernet, die zeigt, dass Bitterkeit schon immer Teil der Bargeschichte war.“ Der so runde wie kräftige Drink wurde in den 1920er Jahren von einer gar nicht runden oder kräftigen Person, sondern vielmehr einer eleganten und grazilen Dame erfunden. Ada Coleman, welche damals die erste und einzige(!) Barchefin des Savoy Hotels in London war, kredenzte ihrem Stammgast, dem Schriftsteller Charles Hawtrey einen Cocktail, welcher zu gleichen Teilen aus Gin und rotem Wermut bestand und mit zwei saftigen Dashes Fernet Branca sowie einer Orangenzeste abgerundet wurde. Als der Schriftsteller nun vorsichtig an der dunklen Kreation nippte, solle er angeblich ausgerufen haben „By Jove. That is the real Hanky Panky!” – Was zu Deutsch nichts anderes bedeutet als, dass die Kreation der zierlichen Dame ein wahres Techtelmechtel im Glase sei. Diese unterhaltsame Geschichte als Aufhänger nutzend, veranstaltete Sebastian also die adventsonntäglichen, im eleganten Rahmen abgehaltenen Hanky Panky-Nights, welche ihn durch die Bars und an die Tresen von Deutschland, Österreich und der Schweiz brachte.

„Als BA ist man immer unterwegs. Aber auch wenn es stressig ist und ich in den letzten Jahren recht grau geworden bin, liebe ich das Reisen und das Kennenlernen neuer Bars. Ich darf mit Bartendern über Drinks reden, interessante Menschen treffen und fühle mich durch meinen Job als Markenbotschafter in den berühmtesten und besten Bars auf der ganzen Welt zu Hause.“ Das Gefühl überall Bar-Bekannte sowie Tresen-Freunde zu haben und sich niemals fremd und fast wie daheim zu fühlen, verleitet Sebastian nicht nur dazu, überall ein bisschen Bitterkeit und ein wenig Herzblut zu lassen, sondern auch in schöner Regelmäßigkeit ein paar ganz besonders persönliche Stücke an die Orte des Geschehens zu verteilen. „Ich vergesse immer und in allen Hotels, in denen ich übernachte, irgendetwas. Hosen, Socken, Pflegeprodukte – die sind überall in Deutschland verstreut.“

Sebastian Schneider, der Brandambassador of the yearZum Glück scheint Sebastian genug Hosen im Schrank und Fernet in der Tasche zu haben, denn zur Verleihung der Mixology Awards im Oktober 2016 kam er so gänzlich wie förmlich gekleidet. „Der Award zum Brand Ambassador of the Year war für mich das absolute Highlight des Jahres und eine unfassbare Anerkennung. Mein Berufsalltag hat sich dadurch allerdings nicht wirklich verändert.“ Zur Zeit verteilt Sebastian mal wieder Hosen und Socken in Hotels sowie Fernet in Bars und reist durch die Lande, um lässige Bars im „Dive Bar-Style“ für seine The Fearless Fernet League zu finden. Ganz nach dem Motto „2017 wollen wir ein bisschen lauter werden“ geht es hierbei um die Challenge, innerhalb eines Jahres so viel Fernet an den Mann, ins Glas und in die Kehle der Gäste zu bringen wie möglich. Als Belohnung winkt den erfolgreichen Teilnehmern dann schließlich eine Reise nach Mailand, die Heimat des traditionsreichen Amaro, auf welcher sicherlich der ein oder andere Barmann von Sebastian auf die bittere Seite des Tresens gezogen werden wird.

Erzieher für Erwachsene, Schutzpatron des bitteren Geschmackes und phantasievoller Vordenker – man kann wohl gespannt sein, was sich Sebastian Schneider nach der The Fearless Fernet League noch alles einfallen lassen wird. Doch vermutlich wird der ausgezeichnete BA auch in Zukunft die Barszene mit verstaubten Schätzen aufmischen, Geschmacks-Knospen explodieren lassen und sämtliche Tresen verbittern und bereichern.

 

Sebastian Schneider, der Brandambassador of the year

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