Kathrin Scheurer aus dem Patolli

Kathrin Scheurer – Pädagogisch wertvolle Drinks und die andere Seite des Tresens

„Grundsätzlich sollte man immer mit offenen Augen und offenem Herzen durch das Leben gehen.“ – Und genau diese Offenheit, ihre Begeisterungsfähigkeit und einige Dashes guten Mutes brachten Kathrin Scheurer auch hierher, an den Tresen des Patolli in der Münchner Innenstadt. Wenn man die junge Bartenderin in dem hellen, im Industrial-Style eingerichteten Laden beobachtet wie sie routiniert Cocktails mixt und Drinks pourt, freundlich Gäste berät und mit einer bemerkenswerten Ruhe selbst an turbulenten Freitagabenden das Tablett voller ungewöhnlicher Kreationen durch den gut gefüllten Laden balanciert, kann man sich gar nicht vorstellen, dass Kathrin erst seit gut zwei Jahren am Brett steht – aktiv jedenfalls. Denn Barluft schnupperte sie bereits einige Jahre zuvor, jedoch von der anderen Seite des Tresens, als Gast. Dass dieser so süße wie hochprozentige Duft heute jene Luft ist, welche sie zum Atmen braucht, scheint dabei kein Zufall zu sein, sondern vielmehr die logische Konsequenz einer Reihe von Entwicklungen und Begebenheiten – und vielleicht könnte man auch behaupten, dass sie erst hier, an der Bar ein Zuhause und ihre vom Herzen ersehnte Bestimmung gefunden hat.

Patolli Bar MünchenBevor Kathrin also am Brett stand, saß sie in schöner Regelmäßigkeit am Tresen und schaute keinen Geringeren als René Soffner und Maxim Kilian bei ihrer liquiden Artistik über die Schulter, beziehungsweise den Shaker. Denn, wie der Zufall es so wollte, stolperte Kathrin, die in ihrer Heimatstadt Stuttgart als Jugend- und Heimerzieherin arbeitete, eines abends vor sechs Jahren in eine von Soffner und Kilian geführte Bar in der Innenstadt. Alleine unterwegs und mit nicht allzu guter Laune setzte sie sich an den Tresen und – offen und interessiert wie Kathrin ist – kam recht schnell ins Gespräch mit den beiden Vollblut-Mixologen. Die beiden servierten ihr alsbald einen Drink, der – im Nachhinein betrachtet – ein Gamechanger bezüglich Kathrin’s weiterem Lebensweg sein sollte. „Das war irgendwas mit Erdbeeren und Rucola und begeisterte mich damals total.“

Kathrin Scheurer aus dem PatolliKathrin, die zuvor nur Longdrinks kannte und mit dem Thema Cocktails oder Fine-Drinking-Bars nicht wirklich in Berührung gekommen war, hatte hochprozentiges Blut geleckt und so kam sie von nun an regelmäßig in Soffner’s und Kilian’s Wirkungsstätte, welche damals ein Treffpunkt der Stuttgarter Barszene war. Hier saß sie am Tresen, plauderte mit den Bartendern und ließ sich jedes Mal einen anderen, ihr unbekannten Drink vor die Nase setzen sowie ans Herz legen. „Irgendwann hat mich der Soffner wohl schon dafür gehasst, dass ich immer nur gesagt habe „Mach mir irgendwas!“. Dabei wissen die Jungs, glaube ich, gar nicht, was sie da für eine Basis bei mir gelegt haben.“

Kathrin Scheurer aus dem PatolliIhre anfängliche Faszination für die Barwelt, schlug immer mehr in eine Leidenschaft um, welche Kathrin auch außerhalb ihrer Stammbar die Augen offen und das Notizbuch gezückt halten ließ. Durch ihr buchstäblich anstößiges Abhängen an diversen Tresen hatte Kathrin bereits andere Stuttgarter Barkeeper kennen gelernt und besuchte mit ihnen regelmäßig Tastings und Workshops, denen sich auch ihre Schichten als Erzieherin anpassen und beugen mussten. „Ich habe mir damals meine Dienstpläne so gelegt, dass ich zu Bartender-Workshops gehen konnte und selbst Urlaube habe ich nach Bareröffnungen geplant.“

Kathrin Scheurer aus dem PatolliKathrin taucht immer tiefer in die Barwelt und die Spirituosenflaschen ab. Sie unternimmt Städte- beziehungsweise Barreisen und baut sich über die Monate ein recht gutes Netzwerk in der Branche auf, wobei der jungen Drinkenthusiastin sicherlich auch ihre offene Art und eine sympathische Authentizität halfen. Um mehr zu lernen und ihrem „Hobby“ nachzugehen, hatte Kathrin dabei niemals Probleme alleine zu verreisen oder unterwegs zu sein – ein Vorteil, welcher ihr nicht zuletzt heute durch Grenzen-übergreifende Kontakte zu Gute kommt. „Mein Netzwerk habe ich mir schon vor meiner Zeit als Bartenderin aufgebaut. Wenn du als Frau alleine am Tresen in irgendeiner fremden Metropole sitzt und darüber hinaus Interesse an der Mixologie zeigst, lernt du ganz schnell die Barleute kennen. Und die Jungs wollen einem sowieso immer imponieren.“ 

Kathrin Scheurer aus dem PatolliMit jedem Schritt in eine neue Bar, mit jedem Schluck eines ihr noch unbekannten Drinks und durch jedes Gespräch mit einer neuen Barbekanntschaft wuchs Kathrin’s Durst mehr zu lernen und zu erfahren und so wurde auch Stuttgart als heimischer Hafen langsam aber sicher zu klein und zu eng für die junge Connaisseurin. Inspiriert von ihren Reisen und infusioniert von der Barwelt beschloss Kathrin im Jahre 2012 Stuttgart zu verlassen, um den Umzug nach München wohnungs- und jobtechnisch zu planen. „Ich habe mir damals die Deutschlandkarte genommen und München aufgrund der Barlandschaft und der hohen Dichte an guten Tresen ausgewählt.“ In der bayerischen Hauptstadt angekommen, arbeitete Kathrin tagsüber in einem Hort und frönte danach ihrer liquiden Lust in Form von Tastings und Streifzügen durch die facettenreiche Barwelt ihrer neuen Heimatstadt.

Kathrin Scheurer aus dem PatolliObwohl sie sich nach den ersten Monate der Eingewöhnung langsam heimisch innerhalb der hiesigen Szene fühlte, blieb jedoch nach jedem Workshop und so manchem Gespräch immer ein gewisser, bitterer Wermutstropfen in Kathrin’s Herz übrig. „Bei den Veranstaltungen hatte ich irgendwie immer ein blödes Gefühl, denn ich war zwar dabei, aber arbeitete ja gar nicht selbst in einer Bar.“ Darüber nachgedacht, den Erzieher-Job an den Nageln zu hängen, um Nägel mit Köpfen, oder vielmehr Drinks am Brett zu machen, hatte die Barliebhaberin zwar bereits, doch mangelte es an konkreten Möglichkeit und Kathrin wusste nicht so recht, wie sie den „richtigen“ Einstieg überhaupt schaffen könnte. „Ich habe mir immer gesagt: Wenn da mal jemand ist, der mich an die Hand nimmt, einen kleinen Laden hat und mir alles zeigen kann, dann gehe ich an die Bar.“ 

Patolli Bar MünchenUnd genau dieser jemand, ein umsichtiger Mentor, welcher Kathrin an seinem Wissen teilhaben ließ und ihr in Ruhe und mit Respekt alle Geheimnisse, Handgriffe und Tresen-Kunststücke zeigte, kam – und zwar in der Gestalt von Marco Beier, der damals gerade dabei war das Abend- und Bargeschäft im kleinen Café Patolli in der Sendlingerstraße anzushaken sowie anzuschubsen. „Ich kannte den großen Marco Beier damals nur aus der Mixology und hatte einen Heidenrespekt vor ihm. Als ich ihn dann zufällig bei einer Veranstaltung traf, habe ich mich gefühlt wie ein kleines Mädchen.“ Trotz ihrer anfänglichen Ehrfurcht vor dem sympathischen Marco wurden die beiden Freunde – zunächst allerdings nur auf Facebook. Und so spielte der Algorithmus, wie so oft in unserem heutigen Social Media-Leben, Schicksal und Kathrin stolperte eines Tages über ein Posting Marco’s – oder besser gesagt, sie blieb mit ihrem scrollenden Finger hängen.

Kathrin Scheurer aus dem Patolli„Suche eine Servicekraft mit Affinität zum Shaken“ stand da in ihrem Facebook-Feed und Kathrin erkannte sofort, dass genau dieser Nebenjob ihre Chance sein könnte. Schließlich war und ist das Patolli nicht nur eine größentechnisch überschaubare Bar, sondern es stand im November 2014 auch noch am Anfang, sodass genügend Zeit bleiben würde, um ganz in Ruhe jeden Handgriff und jede Rezeptur zu lernen. Nach Marco’s Zusage fing Kathrin also an, nach ihrer „normalen Arbeitswoche“ als Erzieherin, am Wochenende selbst ihre liquiden Lektionen zu lernen, vorhandenes Wissen zu vertiefen und neue Erkenntnisse in Tresen-Taten umzusetzen. „Marco hat mir von Anfang an Vertrauen geschenkt und an mich geglaubt. Ich konnte ihn alles fragen und er konnte mir immer eine Antwort geben – das war genau das, was ich gesucht hatte.“ 

Kathrin Scheurer aus dem PatolliNach ersten Schichten und Erfolgen am Brett, merkte Kathrin schnell, dass nicht nur das Bartenden an sich ihr Spaß machte, sondern auch Marco’s Konzept im Patolli mit ihren Ideen einer Bar sowie eines Arbeitsumfelds harmonierte. Zum Einen bot die monatlich wechselnde Karte der Baranwärterin die Möglichkeit, ständig Neues auszuprobieren und, als einzige Angestellte Marco’s, von Anfang an aktiv am Kreieren von Drinks mitwirken zu können. So schaffte es bereits nach wenigen Monaten am Tresen der erste, von Kathrin ersonnene Drink, ihre Aurélie, auf die Monats- und bald auch feste Karte der kleinen Bar. Zum anderen war es auch die offene, lockere Atmosphäre im Patolli, welche Kathrin auf Anhieb gefiel, sowie die Art der hier servierten Drinks, welche einerseits spannend, ausgefallenen und ein wenig verspielt den Gaumen und das Auge kitzeln, aber andererseits angenehm unaufgeregt den Abend begleiten ohne durch allzu aufwendige Zubereitungsarten oder fancy Präsentationen in den Mittelpunkt des Bargeschehens zu rücken. Und genau diese Philosophie Marco’s, dass der Drink niemals der Hauptakteur sein sollte, sondern vielmehr der Gast im Mittelpunkt stehe und einen schönen Abend habe solle, sprach und spricht auch Kathrin aus der Seele. „Ich selbst muss nicht jedem Gast erzählen, was ich da alles Tolles in den Drink gemacht habe. Es muss schmecken und der Gast muss happy damit sein.“ 

Kathrin Scheurer aus dem PatolliHappy und glücklich war auch Kathrin zu dieser Zeit mit ihrem neuen Nebenjob – jedoch nicht mit ihrer gesamten Lebenssituation, denn ihre Chefin begann, vermutlich wegen der Personalnot im Erzieherberuf, der Barenthusiastin zusehends Steine in den Weg zu legen. „Ich bekam für Tastings nicht mehr frei und konnte nicht mal zur BCB fahren. Das machte mich damals zutiefst unglücklich.“ Kathrin merkte immer mehr, dass sie sich in ihrem Beruf unwohl fühlte und eigentlich zu etwas anderem, nämlich der Bar, berufen war. Sie empfand sich als nicht zugehörig zu ihren Kollegen im Hort, sondern ersehnte die Wochenenden, an welchen sie mit Marco am Tresen stehen und ihre Familie, ihre Barfreunde sehen konnte. Vielleicht nicht schweren Herzens, aber doch mit jeder Menge kopf- und vernunftbedingten Ängsten wurde sich Kathrin im Sommer 2015 einer Entscheidung bewusst, welche vermutlich schon eine ganze Weile reif und pflück-bereit auf dem Tresen und der Hand lag. Und so kündigte sie ihren Erzieherinnen-Job, um vollzeitig und ganzherzig im Patolli einzusteigen. „Natürlich habe ich damals etwas aufgegeben – schließlich war auch meine Wohnung von meinem Job abhängig und es war eine echte Überwindung. Aber ich bin einfach leidenschaftlich Bartenderin und das große Ganze am Barjob macht mir unendlich viel Spaß.“ 

Patolli Bar MünchenEin besonders interessanter Teil dieses großen Ganzen ist auch die Kreation der monatlich wechselnden Drinks – ein Aufgabe, welche Kathrin, offen und neugierig wie sie ist, nicht nur Freude macht, sondern ihr auch gut von der Hand beziehungsweise ins Glas geht. „Ein Drink entsteht für mich im Kopf. Es fängt bei einer Zutat an und dann überlege ich, was dazu passt.“ Dabei geht Kathrin allerdings nicht all zu sehr Aroma-logisch vor, sondern eher intuitiv und sinnlich. Wenn die junge Bartenderin nämlich über Zutaten nachdenkt, an Spirituosen riecht oder Früchte probiert, ordnet sie diesen automatisch, im Geiste Farben zu. „Wenn ich einen neuen Drink kreiere, soll am Ende immer ein schönes Bild herauskommen.“

Kathrin Scheurer aus dem PatolliDass dieses Shaken nach Farben von Kathrin wunderbar funktioniert, beweisen in schöner Regelmäßigkeit ihre Eigenkreationen, welche die Karte des Patolli zieren und die Gläser sowie Kehlen der Gäste füllen. Und so ist auch der Chunky Monkey, welchen sie in ihrer Anfangszeit gemeinsam mit Marco entwickelte, einer ihrer persönlichen Favoriten. „Dieser Drink ist einfach ein typischer Patolli-Drink – kreativ und ein bisschen fancy, aber vor allem macht er jedem gute Laune.“ 

Kathrin Scheurer aus dem PatolliUnd tatsächlich schmeckt dieser gar nicht affige, sondern vielmehr süffige Cocktail durch seinen gleichzeitig frischen und kräftigen Körper, eine cremig süße Kokos-Espuma sowie eine selbst gemachte Bananenchips-Walnuss-Schokolade als Pairing ganz wie ein Ausflug in die Tropen. Mit diesem Affen im Glas möchte man am liebsten lebensleicht-lässig von Baum zu Baum schwingen, und den Abend damit verbringen, abwechselnd am Drink zu nippen, von der Schokolade zu knuspern und mit seinen Freunden Spaß zu haben. Dabei ist es jedoch nicht nur die cremige Kokos-Espuma, welche den Gaumen sanft kitzelt, sondern auch das gleichzeitig kräftige, aber dennoch schmeichelnde Herz dieses Äffchens, welches aus goldenem Ron Zacapa Rum besteht. Dieser in Guatemala auf 2300 Metern Höhe in ehemaligen, getoasteten Bourbon-Fässern gereifte Zuckerrohrschnaps weist zum einen süße Noten auf, welche an Kakao, Vanille, Nüsse sowie getrockneten Früchte erinnern.

Kathrin Scheurer aus dem PatolliZum anderen besitzt der im Solera-Verfahren hergestellte Ron Zacapa durch seine Tabak-, Kaffee- und Holznoten eine angenehme Kraft, welche im Chunky Monkey für die nötige Bodenhaftung des kletterlustigen, vorwitzigen Äffchens sorgt. So ergibt dieser fruchtig-süße, aber auch nussig-kräftige Rum gemeinsam mit aromatischem Bananelikör, frischem Limettensaft, cremiger Espuma und der herb-knusprigen Schokolade eine so harmonische wie spannende Komposition im Glase, welche – ganz im Sinne von Kathrin’s malerischen Gedanken –  vielleicht einem exotisch-expressiven Bild des auf Tahiti lebenden und malenden Künstlers Paul Gauguin ähnelnd würde – abgerundet von ein wenig augenzwinkernd verspielter Cartoon-Art à la Disney.

Kathrin Scheurer aus dem PatolliDer Chunky Monkey ist tatsächlich ein Drink, der Spaß macht und den Abend begleitet ohne sich dabei zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Und dieses Spiel aus Präsenz und Zurückhaltung beherrscht auch Kathrin, die an der Mixstation mit Entschiedenheit den Shaker schwingt und routiniert neue Bestellungen entgegennimmt und gleichzeitig mit großem Feingefühl sowie einem guten Gespür für ihr Gegenüber auf ihre Gäste eingeht. Und so ist ein Abend in Kathrin’s liquider Obhut auch immer wieder eine so entspannende wie spannungsvolle Zeit, in welcher man – vielleicht mit einem Chunky Monkey in der Hand – gedanklich abhängen, ein wenig von Baum zu Baum schwingen kann und mit jedem Nippen merkt, dass Kathrin hier, im Patolli das gefunden hat, wozu sie berufen ist und was sie von ganzem Herzen liebt: Mit farbigen Gedanken, offenem Herzen und flinken Fingern Cocktails zu mixen und damit den Abend und vielleicht auch manchmal das Leben ihrer Gäste schöner zu machen.

Der Chunky Monkey von Kathrin

3 cl Ron Zacapa Rum

3 cl Bananenlikör

4 cl Limejuice

1 cl Frischer Limettensaft

Kokos-Espuma

Bananenchips-Walnuss-Schokolade als Pairing

No click. No cheers.: patollis.de

Kathrin Scheurer aus dem Patolli

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