Johannes Häge vom Weingut am Nil

Johannes Häge – Lila Löwen, querköpfige Saumägen und das Weingut am Nil

„Alle Ideen dürfen gedacht werden. Oft muss man alte Regeln brechen, um zielführend zu arbeiten.“ Und zielführend arbeiten bedeutet im Falle von Johannes Häge, Kellermeister und technischer Betriebsleiter im Weingut am Nil, hochwertige Weine und edle Tropfen zu fabrizieren. „Ich mache mir gerne viel Arbeit, denn schließlich will ich auch geniale Weine erzeugen.“ Dass Johannes heute, nach einigen Stationen rund um den Globus, in der weindurchtränkten Pfalz auf einem Kallstädter Weingut gelandet ist, hätte er sich als Vierzehnjähriger wohl nicht träumen lassen. Und falls doch, wäre diese Vision vermutlich in einen schweißtreibenden Alptraum ausgeartet. „Meine Eltern hatten ein Weingut und ich wollte als Teenager auf gar keinen Fall, dasselbe machen wie mein Vater: Wein.“

Johannes Häge vom Weingut am NilDoch gegen das, was einem in die Wiege gelegt wurde, oder – in Anbetracht Johannes’ liquider Leidenschaft – in den Adern strömt, kann man sich manchmal einfach nicht erwehren. Erste Anzeichen eines gewissen, vinophilen Zuges machten sich bereits wenige Jahre nach Johannes’ von Teenager-Rebellion geprägten Schuljahren bemerkbar. Denn getreu dem Motto „in vino veritas“ ertappte sich der Anfang-Zwanzigjährige bei einer Bartour in Reutlingen, wo er sich gerade für den Studiengang der Internationalen BWL beworben hatte, dabei, wie er recht dezidiert und ausführlich einen Wein der Barkarte verriss. Seine Worte müssen recht leidenschaftlich und kundig geklungen haben, denn sein ebenfalls ordentlich angeheiterter Freund kam kurzerhand zu einer Erkenntnis, die sich auch Johannes letztendlich selbst eingestehen musste. „Du solltest Wein studieren.“ 

Johannes Häge vom Weingut am NilUnd so kam es, dass Johannes schon bald nach dieser liquiden Nacht mit ihren anstößigen Gedanken jegliche Absichten bezüglich eines Studiums der trockenen Betriebswirtschaftslehre in Reutlingen gegen das süffig-saftige Weinstudium in Geisenheim tauschte, um sich von nun an gänzlich seiner weinsinnigen Leidenschaft hinzugeben, alles über die Traube an sich und Wein im Allgemeinen zu lernen und sich flüssigen sowie geschriebenen Stoff einzuverleiben. Um das eigene Wissen zu fundieren und über den Glasrand hinweg zu schauen, ging der Wissens- und Wein-durstige Studiosus während der Semesterferien ins Ausland und stattete beispielsweise dem Weingut Juris am Neusiedlersee  – „Die hatten damals schon crazy Ideen.“ – einen arbeitsreichen Besuch ab.

Johannes Häge vom Weingut am NilUnd auch während seines Praxissemesters in den USA ging Johannes seinen eigenen Weg und wählte als lehrreiche Destination nicht das bei angehenden Winzern beliebte Kalifornien. Der junge Weinstudent entschied sich vielmehr für den weniger populären Washington State, wo er auf einem riesigen Weingut im warmen Teil des amerikanischen Staates bei knackigen 45° Celsius lernte mit extremen Bedingungen umzugehen und mit anderen Maßstäben zu messen. „Wenn wir in amerikanischen Dimensionen denken würden, wäre das Weingut am Nil mit seiner überschaubaren Größe ein absolutes Garagenweingut. In den USA fängt man erst ab 1000 Hektar an ein Anwesen überhaupt Weingut zu nennen.“

Johannes Häge vom Weingut am NilZurück in Deutschland und mit seinem Abschluss als Winzer in der Tasche fühlte sich Johannes bei seinem ersten „richtigen“ Job nochmals ein wenig an seinen USA-Aufenthalt erinnert, denn sein Weg führte ihn auf das Sächsische Staatsweingut Schloss Wackerbarth. „Das Weingut sieht aus wie im Napa Valley. Vorne ist ein riesiger, futuristischer Glaskasten, aber dahinter verbirgt sich ein altes Barockschloss“.

Johannes Häge vom Weingut am NilNachdem er ein Jahr lang als zweiter Kellermeister auf dem Staatsweingut gearbeitet hatte, verschlug es Johannes in die sanfthügelige Pfalz, welche nicht nur für ihre knackigen Rieslinge und sämtliche, aromatische Saumägen bekannt ist, sondern auch eine wahre Spielwiese für jeden im Weinbau arbeitenden Profi ist. Während seiner Jahre auf angesehenen Weingütern der Region merkte Johannes immer mehr, dass er doch ein wenig eigenständigere Ideen hatte und querköpfiger dachte, als es von ihm erwartet und erwünscht wurde. „Vielleicht wollte ich zu schnell zu viel, aber ich konnte schon damals nicht verstehen, warum man etwas macht, nur weil man es immer so gemacht hat.“ Und so klopfte genau zur rechten Zeit Fortuna an die Tür des jungen Winzers – allerdings etwas unsanft und in Form eines schrill klingelnden Telefons spätabends um 23 Uhr.

Johannes Häge vom Weingut am NilGlücklicherweise nahm Johannes trotz seines schläfrigen Grolls den Hörer ab und damit sein Schicksal in die Hand, denn auf der anderen Seite der Leitung war der heutige Besitzer des Weinguts am Nil, Reinfried Pohl jr., der Johannes das Angebot machte, als Kellermeister und technischer Betriebsleiter auf seinem neu erworbenen Weingut in Kallstadt anzufangen – eine Position, welche Johannes quasi zum Master of Desaster und Herr der Reben machen würde. Das Gut, um welches es ging und das Johannes’ zukünftige Wirkungsstätte werden sollte, existierte bereits seit 1841, wurde jedoch zu diesem Zeitpunkt, im Sommer 2010, von der Winzerfamilie Schuster an die Familie Pohl verkauft.

Johannes Häge vom Weingut am NilBereits bei Johannes’ ersten Besichtigungen auf dem alten Gut war für den jungen Mann Eines klar – mit seiner neuen Position würde zwar viel Arbeit auf ihn zukommen, doch er hätte auch die einmalige Chance ein Weingut komplett neu zu erfinden und hier ganz nach seinen eigenen Vorstellungen Wein herzustellen. Zudem bot sich die Möglichkeit mit einem neu zusammengekommenen, engagierten Team zu arbeiten und so gemeinsam frischen Wind und junge Gedanken in die verstaubten Gemäuer zu bringen. „Vieles auf dem Weingut war einfach überholt. Es wurden über 76 verschiedenen Rebsorten auf kleinster Fläche angebaut und alle Gerätschaften waren komplett veraltet.“ 

Johannes Häge vom Weingut am NilDoch Johannes hatte keine Zeit, sich ganz in Ruhe einen Plan zu machen, Altes aus- und Neues einzusortieren und sich selbst mit Allem vertraut zu machen, denn das Weingut wechselte genau während der heißen Phase, der Weinlese, den Besitzer. Da weder Wetter noch Trauben auf menschliche Malessen Rücksicht nehmen, galt es also in die Hände zu spucken, die Ohren steif zu halten und Vollgas zu geben. Ganz nach dem Motto „Wenn ihr Qualität zerstören wollt, dann  ohne mich!“ weigerte sich Johannes mit den alten, vorhandenen Maschinen zu arbeiten und lieh sich sämtliche Gerätschaften für die Lese und Traubenverarbeitung aus. „Ich habe während des laufenden Betriebes alles umgekrempelt und Tag und Nacht gearbeitet. Das war alles schon etwas holprig und ich kannte mich anfangs auf dem Gut überhaupt nicht aus. Der Vorbesitzer hatte keine Übergabe gemacht und ich wusste noch nicht einmal wo die Lichtschalter sind.“

Johannes Häge vom Weingut am NilLicht am Ende des Tunnels war trotz dieses nervenaufreibenden und kräftezehrenden Anfangs schon bald in Sicht. Als die Trauben gepresst, die Fässer und Tanks gefüllt und eine Mütze Schlaf genossen waren, konnte man langsam anfangen sich Gedanken zu machen und etwas planvoller vorzugehen. Bei Recherchen über seine neue Wirkungsstätte stieß Johannes auf alte Bücher der Vorbesitzer, welche historische Etiketten des Weinguts enthielten. Da bereits wenige Jahre nach Gründung des Hofes um 1890 herum ein außergewöhnlicher – um nicht zu sagen „fancy“ – Magenta-Ton für die Etiketten verwendet wurde, lag es nahe auch beim neuen Design ein tiefes Violett zu verwenden und somit, die Historie zum Vorbild nehmend, für einen zeitgemäßen Eyecatcher auf Flaschen und Kisten zu sorgen.

Johannes Häge vom Weingut am NilUnd auch der Name „Weingut am Nil“ ist weder ein exotisches Hirngespinst noch eine geografische Verfehlung, sondern vielmehr eine Anspielung auf die Vergangenheit des Gutes. So ist Nil – was auf Alt-Pfälzerisch „überhängende Hügelkuppe“ bedeutet –  der Name einer kleinen Parzelle innerhalb der berühmten Lage Saumagen, welche schon immer eine der Hauptanbauflächen des Weinguts ist. Korrespondierend zum exotisch anmutenden Namen des Weinguts passt auch der wallmähnige Löwe perfekt ins Bild und zum Ort des Geschehens, denn dieser kaltschnäuzige König der Tiere war einst das Wappentier und Wahrzeichen des schönen Kallstadt.

Johannes Häge vom Weingut am NilIm Zuge der Erneuerungen wurde allerdings nicht nur die Flasche an sich aufgehübscht, sondern auch das gesamte Weingut wurde in neue Farben und ein erhellendes Licht getaucht. Die historischen Gemäuer erhaltend, wurde der gesamte Hof mit seinem weißgiebligen Stammhaus und dem idyllischen Innenhof liebevoll restauriert und renoviert, sodass heute neben einem so eleganten wie lichtdurchfluteten Restaurant, einer schmucken Vinothek und dem herrschaftlichen Haupthaus auch moderne Gästezimmer mit allen Finessen und höchstem Komfort das Weingut am Nil zu einer kleinen Oase im Fluss des Lebens machen. Und nicht zuletzt Johannes’ Kollegen und Mitstreiter – „Ein Weingut kann man immer nur mit guten Mitarbeitern führen. Das ist eine Teamleistung.“ –, wie die gastronomische Leiterin Alexandra Nickel, die zweite Kellermeisterin Diana Schabehorn oder Lena Funke aus dem Marketing verleihen dem Gut eine familiäre Atmosphäre und die berühmten „good vibes“, die jeden Besucher zum Wiederkommen verführen.

Johannes Häge vom Weingut am NilIm Jahre 2011 war natürlich noch nicht alles so fein ver- und herausgeputzt wie heute, doch Johannes konnte bereits mit lila Etikett, unter neuem Namen und mit Hilfe seines so jungen wie kompetenten Teams damit anfangen die Keller und Weinberge auf Vordermann und seine Weine in die Flasche zu bringen. Er reduzierte dabei nicht nur die Rebsortendichte von 76 auf zehn, wobei Riesling den sprichwörtlichen Löwenanteil für sich beansprucht und von anderen Reben wie Chardonnay, Sauvignon Blanc, Weiß- und Grauburgunder sowie Spätburgunder ergänzt wird.

Johannes Häge vom Weingut am NilNach und nach vergrößerte Johannes auch die Rebfläche, sodass er heute die weinsinnige Hoheit über etwa vierundzwanzig Hektar der Lagen Kallstadter Saumagen und Kallstadter Steinacker, sowie Ungsteiner Herrenberg und Weilberg hat, welche durch ihre verschiedenen Bodenbeschaffenheiten und Terroirs so vielschichtige wie facettenreiche Weine hervorbringen. So begeistert der auf Terra Rossa wachsende Weilberg Riesling beispielsweise durch ausdrucksstarke, lebendige und voluminöse Noten. Der Riesling, welcher auf der bereits im 17. Jahrhundert urkundlich verzeichneten Lage Saumagen auf Kalkverwitterungsböden wächst, besticht hingegen durch extraktreiche, feinfruchtig Aromen und eignet sich auch ideal zum Lagern für den zukünftigen Genuss.

Johannes Häge vom Weingut am NilÜberhaupt ist Johannes bei seiner Arbeit in den Reben und im Keller niemals nur der schnelle Verbrauch oder der aktuelle Jahrgang wichtig. Vielleicht aufgrund der langen Tradition dieses gleichzeitig alten und jungen Weinguts will Johannes etwas erschaffen und begründen, was heute schon Spaß macht und in Zukunft ertragreiche Früchte bringen wird. „Man kann Wein nicht von heute auf morgen neu erfinden. Wenn ich einen Weinberg anlege oder bearbeite, denke ich immer dreißig Jahre im Voraus.“ Dies ist auch einer der Gründe, warum Johannes auf allen Flächen den Wundvermeidungs-Rebschnitt anwendet, welcher erst seit wenigen Jahren für schnittiges Aufsehen innerhalb der Winzerszene sorgt. „Durch diesen auch als „sanft“ bezeichneten Rebschnitt, wird die Länge der Rebe erhalten, der Saft kann besser fließen und der Stock bekommt auf beiden Seiten Feuer.“ Das Absterben von Teilen der Rebe oder sogar des gesamten Stockes wird somit vermieden und die Langlebigkeit der Pflanze gewährleistet.

Johannes Häge vom Weingut am NilUnd lange leben sollen nicht nur Johannes’ Reben, sondern auch die ein oder andere seiner Weinflaschen. „Bei manchen Weinen denk ich mir: dieses Jahr ist die schon richtig gut, aber nächstes Jahr wäre es noch cooler.“ Und so ist Johannes auch fleißig dabei, dem jungen Gut zu einem Weinarchiv zu verhelfen, indem er jedes Jahr rund sechzig Flaschen jeder Sorte beiseite, beziehungsweise ins Kellerarchiv legt. Auch im Verkauf versucht das engagierte Team des kleinen Weingut aus Kallstadt jede Saison ein Jahr weiter nach hinten zu rutschen, auch wenn dies aufgrund großer Nachfrage durchaus eine Herausforderung und Gratwanderung zwischen Verkaufsdruck und ausgereifter Gaumenfreude darstellt.

Johannes Häge vom Weingut am NilUnd so kann man nicht nur heute ein wenig Saumagen süffeln und vom Herrenberg kosten, sondern es lohnt sich durchaus auch weiterhin einen Blick auf dieses junge, alte Weingut zu werfen – und natürlich auch auf Johannes Häge, der hier zusammen mit seinen engagierten Kollegen zielstrebig, freigeistig und mit jeder Menge vorausschauender Leidenschaft im Weinberg und Keller schaltet, waltet und die Ergebnisse seiner Arbeit in die Flasche sowie ins Glase bringt. Denn schließlich ist „ein genialer Wein“ doch genau das, was seinem Trinker ebenso wie seinem Macher eine wahrlich lila Laune und glasvolle Freude bereitet.

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