Aquavit und die Ruby Cocktailbar in Kopenhagen

Nordische Brett-Spiele No. 1 – Ästhetische Augenkitzel, klare Gaumenfreuden und die Ruby Cocktailbar in Kopenhagen

Ursprüngliche Landschaften, Berge, Wälder und ein Meer, welches die Küste mal liebevoll, mal gierig in Fjorden umspielt und durchdringt. Städte, die mit Kopfsteinpflastern und Backsteinhäusern an vergangene Jahrhunderte erinnern und ihren mindestens ebenso anschaulichen Bewohnern eine perfekte Kulisse bieten. Menschen, die unprätentiös gut aussehen und über ein scheinbar angeborenes Stilgefühl verfügen, welches jeden angeblich hippen Wannabe aus Berlin oder so manche, anstrengend aufwendig gestylte Münchnerin fade aus der Wäsche gucken lassen.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenSkandinavien ist schön. Skandinavien hat Stil. Und natürlich sind hier auch Bars so lässig und atemberaubend stylish, dass einem das Herz in die Hose und einige Drinks in die Kehle rutschen und man gar nicht weiß, was man zuerst anschauen, austrinken und verkosten soll. Ein Ausflug an ausgewählte, skandinavische Tresen lohnt sich folglich definitiv, denn an ihnen vereinen sich ursprüngliches Craftsmanship, eine traditionelle Trinkkultur, zukunftsweisende Ideen und nordische Ästhetik zu einer geschmackvollen Mischung, welche das Auge zu einem entrückten Blinzeln und die Zunge zu einem anerkennenden Schnalzen verführt.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenDa man keinesfalls alle Bars über einen Kamm scheren kann, aber sich dennoch – selbst mit einem guten Bartraining – nicht alle nordischen Tresen auf einmal anschauen kann, wollen wir innerhalb eines Primetime-fähigen Skandinavien-Zweiteilers (garantiert ohne Lindström!!!) zwei recht unterschiedlichen Bars in Oslo und Kopenhagen einen geistvollen Besuch abstatten. Da man dabei die traditionelle, nordische Trinkkultur weder übersehen kann noch sollte, werden wir unser Augenmerk zudem auf eine ganz besondere Spirituose richten. Denn so wie es Rum auf Kuba, Wodka in Russland und Bier in Bayern gibt, hat auch der Norweger, beziehungsweise Däne sein spezielles Stöffchen, welches hierzulande (leider!) noch vielfach ein Schattendasein im verstaubten, hinteren Eck der Backbar führt.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenDie Rede ist von Aquavit, beziehungsweise Akvavit, ein mit Dill oder Kümmel gewürzter, zweifach destillierter Kartoffel-, oder Weizen-Schnaps, welcher durch verschiedene Traditionen, Herstellungsverfahren und Zusammensetzungen so facettenreich, aromatisch und vielfältig einsetzbar ist, dass man sich definitiv ein paar feuchte Gedanken zu diesem nordischen Lichtblick machen und ein paar kräftige Schlückchen von ihm probieren sollte. Und dazu werden wir, jedenfalls geistig, auch gleich Gelegenheit haben, denn nordische Tresen und die Aquavit-Flasche scheinen untrennbar miteinander verbunden zu sein. Also Skål und rein damit… und in die erste Bar!

Die Ruby Cocktail Bar in Kopenhagen

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenDie Ruby Bar verschmilzt so sehr mit der Geschichte der Stadt und ihren Gemäuern, dass man sie wohl übersehen würde, wüsste man nicht von ihrem Bestehen in einem der ältesten Viertel Kopenhagens. So verbirgt sich das zweigeschossige Cocktailparadies hinter einer so gar nicht nach Bar aussehenden Haustüre und auch beim Betreten der wohnungsähnlichen Räumlichkeiten merkt man schnell, dass die Gastronomie hier wohl erst seit Kürzerem Einzug gehalten hat. Tatsächlich nutzten die im Erdgeschoss eines alten Backsteinhauses von 1740 gelegenen Räume über die Jahrhunderte und Jahrzehnte verschiedenste Menschen zu mannigfaltigen Zwecken.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenSo wurden hier, wo der talentierte Mixologe Nick Kobbernagel Hovind seit 2007 als Barchef und Mitgründer des Ruby zusammen mit seinem Team die Shaker kreisen lässt, bereits Bücher gepresst, Banknoten gezählt und gewichtige Entscheidungen getroffen, denn von einer Bank, über eine Druckerei bis hin zum Kultusministerium haben die Mauern des Hauses schon einiges gesehen, durchlebt und überstanden. Abgesehen von dieser Bar-fernen Historie gibt es allerdings eine gewichtige, geschichtliche Begebenheit, welche man – nach dem ein oder anderen die Phantasie anregenden Schluck – als frühes Vorzeichen der hochprozentigen Bestimmung der Räume deuten könnte. Im Jahre 1882 gründeten nämlich Carl Frederik Tietgen, Christian Oleson und Isidor Henius in der zweigeschossigen Wohnung die Danske Spiritus Kompagni, welche sich unter anderem die Entwicklung des Aalborg Taffel Akvavit auf die Fahne schreiben kann.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenDer Taffel Akvavit, der in Dänemark auch heute noch der beliebteste Akvavit und sogar die beliebteste Spirituose ist, wird, ganz nach dänischer Akvavit-Tradition, mit k statt q geschrieben, aus Weizen hergestellt und direkt nach der zweifachen Destillation – ohne jegliche Lagerung oder Fassreifung – zum schluckschnellen Genuss in die Flasche gefüllt. Damals wie heute wird der mit Kümmel und Dill gewürzte „Snaps“ eiskalt und in Begleitung eines kräftigen Biers zum Essen getrunken, wobei der Däne die unterschiedlichen, auf dem Markt befindlichen Akvavite, so wie es hierzulande mit Wein üblich ist, auf die servierten Speisen abstimmt.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenDa außer des vorgeschrieben Dills und/oder Kümmels bei der Herstellung auch mannigfaltige andere Botanicals wie beispielsweise Koriander, Sternanis oder Bitterorangenschale verwendet werden dürfen, kann man bei dem hochprozentigen Trunk also durchaus von einer aromatischen Vielfalt und einem überraschenden Facettenreichtum sprechen. So schmeckt der eher kümmellastige Taffel Akvavit beispielsweise gut zu eingelegtem Lachs, wohingegen der in Deutschland bekanntere und weiche Karamellnoten aufweisende Aalborg Jubilæums Akvavit wunderbar zu würzigen Speisen wie einem orientalischen Curry oder einem Smørrebrød mit eingelegtem Hering und Curry-Dressing passt. Aufgrund dieses Facettenreichtums liegt es also auf der Mixologen-Hand, dass auch die kreative Barszene Dänemarks und ganz Skandinaviens den würzigen Snaps in der Backbar hat, um seine Aromatik für etwaige, spannende Cocktail-Kreationen zu nutzen.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenSo auch in der Ruby Cocktailbar, denn hier, in der Wiege des Aalborg Akvavit, ist es schließlich geradezu Pflicht und Kür, dass stets Drinks mit dem nordischen Wässerchen auf der saisonal wechselnden Karte stehen. So verwandelt der sympathische Barchef Nick bei seinem, für den Berliner Bar Convent entwickelten, Sloe Sling den traditionellen und recht handfesten Taffel Akvavit in eine so süffige wie überraschende Glaskreation, bei welcher der kräftige Kümmelton des Destillates durch die süßliche Würze von Plymouth Gin und die Fruchtigkeit von Cherry Heering, ergänzt wird. Die Anis- und Zitronen-Noten des Akvavits aufgreifend, verwendet Nick zudem noch Peychaud Bitters sowie Zitronensaft und gießt den geshakten Drink für eine prickelnde Frische mit einem Schuss Sodawasser auf. Und auch die anderen Cocktails, welche auf der mit pittoresken Blumenmustern verzierten Karte stehen, vermögen es, skandinavische Trinktradition, internationale Einflüsse und höchste Standards miteinander zu verbinden – kein Wunder also, dass die Ruby Bar auch des Öfteren als Cocktailkrone der Dänischen Hauptstadt bezeichnet wird.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenEin gutes Beispiel für den internationalen Anspruch der Bar ist beispielsweise auch Nicks Mojito-Interpretation, welche den kubanischen Feel-Good-Klassiker mit Verstand und Understatement ins Nordische übersetzt. So findet für den Herbaceous D. anstelle des kubanischen Rums der dänische Aalborg Jubilæums Akvavit, welcher neben Dill und Zitrus auch feine Holz- sowie Karamellnoten aufweist, seinen Weg in den Shaker. Die Würzigkeit der Basis wird von gelbem Chartreuse aufgegriffen, wobei frische Minze sowie Petersilie für feine Kräuteraromen sorgen und das Mojito-Must – kleine, grüne Fetzen im Glas – aufs Geschmackvollste gewährleisten. Natürlich kommen bei Nick’s Version des kubanischen Klassikers auch Limettensaft und Zucker ins Glas, wohingegen seine Garnitur, bestehend aus einem frischen Zweig Dill, die Aromatik des Akvavits hervorhebt und den Herbaceous D. ganz klar als liquiden, nordischen Lichtblick kennzeichnet. Nicks erfrischende Kreation ist die entspannt-positive Antwort auf den von kubanischer Rum(ba)-Laune überschäumenden Mojito und man kann sich bereits beim ersten Schluck vorstellen, dass dieser Drink so manches Nordlicht in einer langen Sommernacht zum Glühen bringen kann.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenDoch nicht nur die saisonalen wechselnden Drinks unterhalten die Besucher im Ruby auf süffigste Art und Weise, sondern man kann innerhalb des wohnungsähnlichen Tresenreiches auch ein wenig lustwandeln und sich so in verschiedene Räume und Stimmungen (ver)setzen. Betritt man die Bar findet man sich zunächst in dem lichten Hauptraum mit seinem hellen Parkett, kupferfarbenen Kugellampen und einem präsenten Bartresen an der Stirnseite wieder. Wer sich hier niederlassen möchte, kann seinen Blick abwechselnd aus den hohen Fenstern auf die Straße werfen oder sein Augenmerk auf die flinken Finger der ambitionierten Bartender legen.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenDiese klare Atmosphäre des ersten Raumes bietet sich vorzüglich dazu an, schon am frühen Abend zu kommen und sämtliche Alltagssorgen aus dem Kopf sowie wohlschmeckende Drinks in die Kehle fließen zu lassen. Der ideale Cocktail für diese tagesvergessende Leichtigkeit ist der mit einem Dill Akvavit verfeinerten Negroni-Twist THE 866, mit welchem Nick erneut die Welt nach Dänemark und in seine Bar holt. Bei dieser norwegischen Variante des italienischen Aperitivo-Klassikers bildet der Aalborg Dild Akvavit durch seine duftige Dillnote, leicht zitrische Aromen sowie warme Anklänge von Anis eine so stimmige wie spannungsvolle Basis. Diese vereint sich schließlich im Glas mit vollmundigem, bittersüßem Campari und frischem rosa Grapefruitsaft, wobei ein krisper Salzrand bei jedem Schluck für gaumenkitzelnde Kontraste sorgt.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenWer diesen Aperitif dann geleert hat und etwas tiefer in den Abend sowie die Bar vordringt, entdeckt im hinteren Teil der Räumlichkeiten gemütliche Sessel, kleine Tischen und Nischen, welche dazu einladen sich gänzlich vom Alltag zu verabschieden und den Gesprächen sowie Gedanken freien Lauf zu lassen. Doch neben der oberen Etage gibt es in der Ruby Cocktailbar auch ein tieferes Stockwerk, welches zu besonderen Gelegenheiten oder bei großem Ansturm geöffnet wird und dann weiteren Durstigen zum Mekka werden kann. Hier, unterhalb der sich windenden, holzig-knarrigen Treppe dominieren dunkle, an englische Herrenclubs erinnernde Holzmöbel sowie dunkelblaue Tapeten die intime Atmosphäre, welche durch die klassisch-kräftigen Sipping-Drinks der speziellen Karte zusätzlich verdichtet und verstärkt wird.

Aquavit und die Ruby Cocktailbar in KopenhagenSpätestens hier, im tiefergelegten Untergeschoss, welches an Speakeasy-Bars vergangener Zeiten erinnert, spürt man deutlich, dass die alten Gemäuer des heute strahlenden Ruby Cocktail-Juwels schon Einiges erlebt haben. Und vermutlich würden sich nicht nur die Erfinder des Taffel Akvavit, sondern auch so mancher hier zuvor beheimatete Buchdrucker, Bankangestellte und Staatsdiener, wenn sie heute an ihren ehemaligen Arbeitsplatz kämen, verwundert die Augen reiben, um sich dann höchst vergnügt einen süffigen Drink aus der Karte auszusuchen.

So sollte nun, nach diesem mentalen Ausflug in die Ruby Cocktailbar, der Durst und Appetit auf Skandinavien wie durch einen Aperitif angeregt sein und der zweite Teil unserer nordischen Bartour kann mit Schwung und Vorfreude angegangen werden. Hi Oslo und Skål Himkok Bar!

 

The Sloe Sling

2 cl. Cherry Heering
1,5 cl. Plymouth Sloe Gin
3 dashes of Peychaud’s bitters
3 cl. Fresh Lemon juice
1 cl. Simple syrup
1 dash egg white
Top with 3 cl. soda.
Shake all ingredients (except soda) hard for 10 sec and strain into a very chilled fizz glass. Garnish with a lemon wedge and a fresh mint sprig.

 The Herbaceous D.

2 cl. Yellow Chartreuse
3 cl. Lime juice
2 cl. Simple Syrup
1 dash of Angostura
2 stalks of parsley
2 sprigs of mint
Combine all ingredients in a shaker and shake hard for 8 sec. Loosly strain into a highball glass full of crushed ice. Garnish with a dill sprig.

The 866

3 cl. Campari
3 cl. Fresh pink grape fruit juice.
Lightly salt the rim of a rocks glass (tumbler) and fill with ice cubes. In a stirring glass pour in the ingredients and fill with crushed ice. Stir 20 times and strain into the prepped rocks glass.
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