Aquavit und die Himkok Bar

Nordische Brett-Spiele No. 2 – Fassgelagerte Schätze, kreative Traditionen und das Himkok in Oslo

Im zweiten Teil unseres skandinavischen Brett-Spiels a.k.a. unserer geistig-geistvollen Bartour geht es noch weiter in den Norden. Und so finden wir uns, nach der Dänischen Ruby Cocktailbar, mental in der norwegischen Landeshauptstadt Oslo wieder, die aufgrund ihrer so stilvollen wie innovativen Barkonzepte nicht nur eine Reise, sondern gleich mehrere Drinks wert ist. Ebenso wie in Dänemark findet man auch in Norwegen auf Bartresen, Wohnzimmertischen und Restauranttafeln eine Spirituose, welche bei uns (noch) eine eher hintergründige Rolle spielt: Die Rede ist von Aquavit, ein zweifach destillierter Kümmel-, beziehungsweise Dillschnaps, welcher traditionell gemeinsam mit einem Bier als Essensbegleiter genossen wird, aber auch in skandinavischen Bars als facettenreiche Cocktailzutat eine glasfüllende Rolle einnimmt.

Aquavit und die Himkok Bar Im Gegensatz zum dänischen Akvavit wird Aquavit in Norwegen mit q statt k geschrieben und aus Kartoffeln statt aus Weizen hergestellt. Und auch bei der Produktion gibt es einen signifikanten Unterschied. Anders als der meist klare, direkt nach der zweifachen Destillation in Flaschen gefüllte, dänische Akvavit, lässt man den mit Dill, Kümmel und anderen Botanicals gewürzten Hochprozenter hier in Fässern reifen, sodass die kräftige Spirituose etwas weichere Aromen sowie eine dunklere Färbung erhält. Solche, zumeist in Sherry-Fässern gelagerten Aquavite sollte man keinesfalls wie ihre klaren, dänischen Kollegen eiskalt genießen, sondern vielmehr bei Zimmertemperatur servieren, sodass sich die Aromen entfalten und der Trinker erfreuen kann.

Aquavit und die Himkok Bar Die Idee der Lagerung begründet sich, wie so oft bei Spirituosen, in der Historie. So wurden für den Export in ferne Länder die norwegischen Aquavite früher in Fässer abgefüllt und über die Weltmeere geschifft. Auch heute, in Flugzeug-verwöhnten Zeiten, weiß man um die ganz speziellen, klimatischen Einflüsse der Seeluft auf die Spirituose, sodass bei einigen Herstellern wie auch dem Linie Aquavit aus einer Brennerei nahe Oslo an dieser über 200 Jahre alten Tradition festgehalten wird: Der mit Kümmel und Sternanis gewürzte Kartoffelschnaps lagert insgesamt 16 Monate in Sherry-Fässern, wobei er ganze vier Monate davon auf hoher See um die Welt reist und den Äquator, die „Linie“ auf diese Weise zweimal kreuzt. Dabei verleihen Wind und Wetter sowie das von Sherry aromatisierte Fass der Spirituose ihre charakteristischen Vanille- und Holznoten sowie eine honiggelbe Färbung. Noch ausgefallenere Aromen, Tiefe und leicht süßliche Noten bietet beispielsweise der Linie Double Cask, bei welchem nach dem Sherry- noch ein Port-, beziehungsweise Madeira-Fass zum Einsatz kommt und den Aquavit geschmacklich beeinflusst.

Aquavit und die Himkok Bar Ganz im Sinne dieser doch recht fasslastigen Craftsmanship-Tradition geht es auch in unserer norwegischen Bar-Destination, dem Himkok in Oslo recht handwerklich zu. Denn hier wird nicht nur gemixt, sondern auch gebrannt, gezapft und gekocht. Die Bar in den Gemäuern eines alten Backsteingebäudes stellt eine so artistische wie bodenständige Mixtur aus einem Prohibitions-Hideout und einem modernen Kreativlabor dar, welche nicht zuletzt durch die eigene Destillerie, eine Cider-Bar, ein eigenes Gewächshaus und eine Outdoor-Kitchen einige Funny Facts mit FSK 18 Spielplatz-Feeling vorzuweisen hat.

Aquavit und die Himkok Bar Gleich beim Hereinkommen fällt dem Besucher die kleine, hinter Glasscheiben ins rechte Licht gerückte Brennerei auf. In dieser werden hauseigener Aquavit, Absinth, Wodka und Gin produziert, welche später, in Cocktails gegossen, die Karte der Bar und den Abend der Gäste bereichern. Praktisch also, dass die Brennerei in den Barraum integriert ist und der Gast auf diese Weise den Weg seines Cocktails zurückverfolgen kann – Farm to Table, oder besser Distillery to Drink sozusagen. Wer den Blick von der Brennerei abwendet und hinter die Shaker schwingenden Bartender schaut, entdeckt eine Vielzahl von Einmachgläsern an der Wand, in welchen, teilweise aus dem eigenen Gewächshaus stammende, Früchte und Kräuter auf ihre Cocktailglas-füllende Verwendung warten. Spätestens jetzt sollte man schleunigst vom Eingemachten ans Eingemachte gehen und sich erst die Karte und dann einen der Drinks zu Gemüte und zum Munde führen.

Aquavit und die Himkok Bar Doch bevor man sich am Flüssigen laben darf, wird man von der Himkok-Crew erst einmal auf eine so kulinarische wie geistvolle Reise durch Norwegen geschickt, denn alle Drinks des im März gelaunchten „Spirits of Norway“-Menu sind Produkten gewidmet, welche von lokalen Produzenten oder gar Freunden des Hauses bezogen werden. So kann man sich an Äpfeln aus der Region Hardanger erfreuen, welche karamellisiert sowie in Sirup-Form gemeinsam mit Apple Brandy, Fino Sherry und Cider ganz besonders saftig schmecken, wobei ein ordentlicher Schuss des hauseigenen Himkok Aquavit den nordischen Einschlag komplementiert und die Äpfelchen gehaltvoll auf Trinkstärke bringt.

Aquavit und die Himkok Bar Ein anderer Cocktail, eine Kombination aus Himkok Gin, weißem Wermut sowie einem Whey & Truffle Seaweed Cordial wagt hingegen den Flirt mit einem klassischen Martini Cocktail, wobei der trockene Klassiker bei diesem Drink gekonnt aufs (Glatt-)Eis geführt wird – denn er wird auf Eis sowie im Tumbler serviert und fließt die Kehle überraschend frisch hinab. Das getrüffelte Seegras für diese Kreation bezieht das Himkok-Team – wie sollte es anders sein – von einem befreundeten Restaurant im benachbarten Trondheim.

Aquavit und die Himkok Bar Wer die Spirits of Norway dann in vollmundigen Zügen genossen hat, kann sich über hölzerne Treppen in den oberen Bereich des Gebäudes begeben. Falls man allerdings nach der ganzen Norwegen-Reiserei beim Treppensteigen eine leichte Schwäche in den Beinen verspürt, sollte man sich schleunigst an die frische Luft bewegen, um im neu eröffneten Außenbereich Sauerstoff sowie köstliches Comfort Food zu tanken. Die Crew der Munnskjenk Summer Kitchen bereitet in ihrer Freiluft-Küche nämlich so erquickende Speisen wie die kanadische Spezialität Poutine zu, eine stärkende Mischung aus Homemade Fries, Cheese und Gravy. Begleitet wird das Pommes-Knuspern übrigens mittwochs und donnerstags von Livemusik – ein weiteres Indiz dafür, dass sich das Himkok eher als Kreativraum versteht als ausschließlich eine Cocktailbar sein zu wollen. Wer dann neue Kraft getankt hat, kann und sollte sich in der oberen Etage umsehen. Neben dem kleinen  Gewächshaus, in welchem die sprießenden Kräuter und Pflanzen nur darauf warten, ihre wahre Bestimmung in den Drinks durstiger Gäste zu finden, gibt es noch eine zweite Bar, welche sich jedoch konzeptuell und liquide gänzlich von der Unteren unterscheidet.

Aquavit und die Himkok Bar Eher bodenständig als luftgeschüttelt kann der Gast hier zwischen verschiedenen Cider-Sorten – von süß und fruchtig bis herb und schäumend – wählen oder einen der spaßigen Taptails versuchen. Diese prebatched Cocktails aus dem Tap wurden vom kreativen Himkok-Team entwickelt, um selbst bei überquellender Fülle der Bar in kürzester Zeit eine gleichbleibend hochwertige Cocktail-Qualität liefern zu können. Neben der üblichen Spirituosen spielt auch bei diesen gezapften Kreationen der für Skandinavien typische Aquavit eine wichtige Rolle und verleiht beispielsweise im Solbaertoppen Cocktail schwarzem Johannisbeersaft und Apfel eine kräftige Note, wobei das würzig-frische Aroma des Aquavit noch durch Limette und Kardamom verstärkt wird. Auch der Signature Longdrink im Hause Himkok, der Fjellbekk-San, beinhaltet den nordischen Liebling, der bei dieser erfrischenden Kreation durch die Paarung mit asiatischem Yuzu, Limette sowie duftigem Holunderblüten-Tonic seine Weltoffenheit und vielfältige Verwendbarkeit erneut unter Beweis stellt. Spätestens mit diesem asiatisch-nordischen Highball kann man es sich dann entweder im luftigen Außenbereich, direkt an der sprudelnden Cider-Bar-Quelle oder im unteren, gesetzten Teil gemütlich machen, um der Destille noch ein wenig beim blubbernden Brennen oder den Barkeepern beim kunstvollen Strainen zuzuschauen und die Zeit sowie die Drinks ganz entspannt dahinfließen zu lassen.

Aquavit und die Himkok BarAquavit, Akvavit, der Ruby Cocktail-Juwel in Kopenhagen, das Himkok Kreativ-Hangout in Oslo und jede Menge andere schöne Bars, Cafés, Menschen und Getränke – auch, wenn so mancher Sonnenanbeter Skandinavien von seinem Kompass, beziehungsweise seinem Google Maps verbannt hat und der Blick in den heißen Süden oftmals der leidenschaftlichere ist als der gen Norden, bietet Skandinavien so reiz- wie geschmackvolle Schätze. Egal, ob man nun das puristische Stilgefühl der Menschen bewundert, seine Zunge mit geistreichen Neunentdeckungen aufweckt oder die so traditionsbewusste wie innovative Barszene der Großstädte durchstreift – Oslo und Kopenhagen sind definitiv Destinationen, die nicht nur eine Reise und einen Drink wert sind, sondern vielmehr einen gewissen Gewöhnungseffekt, wenn nicht sogar ein Suchtverhalten hervorrufen können. Wie gut also, dass wir alle schon volljährig und reisetauglich sind. Skål, Cheers und auf weitere nordische Lichtblicke!

No click. No cheers.: himkok.no

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