Barszene in Havana

Die Barszene in Havana – Niemals versiegende Rum-Quellen und der Reiz des Einfachen

Wenn man über die Barszene in Havana schreibt, muss man eigentlich über die gesamte Stadt schreiben, denn die kubanische Metropole ist quasi ein einziger, niemals leer werdender Tresen  – und das zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Kubaner sind nämlich nicht nur ein lebensdurstiges sowie -lustiges Volk, das sich äußerst formidabel aufs beschwingte Daydrinking versteht, sondern auch die Idee einer Bar als festen Ort nimmt man hier relativ locker. Zum Tresen wird schlichtweg alles, was waagerecht ist und eine Flasche Rum tragen kann – von der steinernen Mauer entlang des Malécon, über Fenstersimse im Zentrum Havanas bis hin zu den eleganten Marmortresen berühmter Bars und Restaurants. Man könnte also eigentlich behaupten, dass die Barszene Havanas überall dort ist, wo Menschen und Rum sind. Um sich jedoch im Folgenden nicht in der ganzen, doch recht großen Stadt Rum-treiben zu müssen, wollen wir uns gedanklich und emotional an den Tresen einiger traditioneller Bars setzen und darüber hinaus einen besonders neugiereigen Blick auf einige Newcomer im Tresen-Getümmel werfen.

Barszene in HavanaUm Missverständnisse oder gar Enttäuschungen zu vermeiden, wollen wir uns jedoch vor unserer buchstäblichen Bartour ein paar grundlegende Gedanken bezüglich des liquiden Angebots in der Stadt des Rums machen. Es ist nämlich durchaus empfehlenswert unvoreingenommen durch Havana zu streifen und sich den eigenen, hochprozentig verwöhnten Kopf frei zu machen. Eine der für uns recht gewöhnungsbedürftigen und ungewohnten Tatsachen ist nämlich, dass es im kommunistischen Kuba und selbst in einer Großstadt wie Havana eben nicht immer Alles gibt. Vielmehr herrscht ein recht – sagen wir mal – ausgewähltes Warenangebot. Auch in Bezug auf Cocktailzutaten. Außer Rum, versteht sich, denn die Havana Club-Flasche als kubanisches Nationalgetränk El Ron de Cuba ist quasi allgegenwärtig und findet sich in den verschiedensten Qualitäten und Flaschengrößen in fast jedem Supermarkt, Kiosk oder Geschäft. Neben Rum sind auch Zucker und Limettensaft recht einfach zu beschaffen, sodass die Mischung dieser drei so gegensätzlichen wie sich ergänzenden Zutaten nicht umsonst Cuban Trinity genannt wird.

Barszene in HavanaAußer dieser gewissen Zutaten-Beschränktheit sind auch die Menschen auf Kuba, inklusive Barkeeper und Gastronomen, nicht ständig medialen Einflüssen ausgesetzt und werden deshalb auch nicht rund um die Uhr zu noch verrückteren Rezepturen oder Kreationen angestachelt. Anders, als in unseren Breitengraden, liest man hier eben nicht mal schnell, welche neuen Cocktailkarten die Tresen Londoner It-Bars zieren oder was für ein Cognac-Hersteller gerade eine neue Qualität herausgebracht hat. Der simple Grund für diese Weltvergessenheit ist, dass das Internet ein nur in Hotellobbys oder gegen viel Geld erhältliches Luxusgut ist und auch internationale Magazine schwierig, beziehungsweise gar nicht zu beschaffen sind. Und, warum sollte man überhaupt irgendwelche, komischen, neuen Drinks ersinnen, wenn man doch schon eine überschaubare Auswahl an altbekannten und gern getrunkenen Lieblings-Cocktails hat? Den puren und ehrlichen Schluck Rum nicht zu vergessen! Man könnte also durchaus dieses zuckerklebrige und plastikfolierte Cocktailmenü, welches in den meisten Bars der Stadt auf Tresen und Tischen liegt, ganz im Sinne des Regimes auf einen Schwung und einheitlich drucken lassen, denn es beinhaltet immer dieselben liquiden Protagonisten: den minzig-frischen Mojito, einen eisig-süßen Daiquiri, die verführerisch cremige Piña Colada und eine spritzige Cuba Libre, wobei Letzterer der einzige Drink dieses kubanischen Quartetts ist, welcher nicht mit dem honiggelben Havana Club 3 Años zubereitet wird, sondern in welchem der Havana Club Especial seine Verwendung findet – eine Blend, welche mit ihren Vanille- und Zimtnoten eigens für den rebellischen Cola-Klassiker kreiert wurde.

Barszene in HavanaIm ersten Moment könnte man diese Einfachheit viellicht als Beschränktheit empfinden, doch vielleicht sind wir auch einfach verwöhnt und es nicht mehr gewöhnt, sich auf eine Sache beziehungsweise einen Drink festzulegen und einzulassen. Schließlich genießen wir den –zugegebenermaßen großartigen – Luxus, nach Lust und Laune mal hier zu nippen und mal dort zu schlürfen und sich von diversen, internationalen Barbüchern, Cocktailwettbewerben oder auch dem fancy Drink des Nebenmanns inspirieren und ablenken lassen zu können. Auf Kuba hingegen scheint der Moment und das Barerlebnis als solches von größerem Gewicht zu sein, als das, was man dabei im Glas hat. Hier scheinen das Miteinander, das Tanzen, die Musik und das pure Dasein wichtiger zu sein, als ein besonders raffiniert zubereiteter und abgefahren präsentierter Cocktail. Wobei sich auch in Bezug auf neue liquide Kreationen und hochprozentige Experimente innerhalb der jüngeren Barszene in Havana Einiges anfängt zu bewegen – doch dazu später mehr. Vorab wollen wir uns zwei der traditionelleren Bars anschauen, die deshalb so berühmt sind, weil sie zum Einen zwei der berühmtesten, kubanischen Drinks besonders gut zubereiten und zum Anderen der legendäre Hemingway die beiden Bars zu seinen persönlichen Tresen-to-be kürte.

 

El Floridita

Barszene in HavanaLiterat und Connaisseur Ernest Hemingway, der in der goldenen Zeit Havanas – jedenfalls aus Sicht der Amerikaner, welche die karibische Metropole in einen Vergnügungspark aus Hotels, Casinos und Bars umbauten – durch die engen Gassen streifte, betrat bei akuten Daiquiri-Desires ausschließlich die El Floridita Bar, welche angeblich auch der Entstehungsort des 1937 kreierten Rum-Klassikers sein soll. Hier, in der rot- und golden-glänzenden Bar mit ihren antik-anmutenden Säulen und einem hellblau gestrichenen Decken-Himmel bereiteten damals wie heute rot-bejackte Barkeeper die so süffige wie eisige Mixtur aus Havana Club 3 Años, Zucker und Limettensaft, wobei die Spezialität des Hauses noch ein kleiner, feiner Spritzer Maraschino ist. Alleine schon aufgrund der herrschaftlichen Kulisse und des royalen Rot-Gold kann man sich nur all zugut vorstellen wie hier einst elegante Herren im Smoking sowie junge, Marilyn-blonde Damen in aufreizend liebreizenden Kleidern an ihren Cocktailschalen nippten, um sich ganz gepflegt einen ordentlich Brainfreeze einzuhandeln. Barszene in HavanaUnd auch heute noch kann man in der 1953 zu einer der sieben besten Bars der Welt gewählten Floridita einen perfekten Daiquiri trinken, welcher aufgrund der richtigen Balance zwischen Eis, Flüssigkeit und Zucker eine herrlich cremige Konsistenz hat und den Trinker dazu verleitet den Cocktail geradezu Slushy-like zu vernaschen. Neben der Qualität des Daiquiri ist das Bemerkenswerteste in der El Floridita unserer Tage allerdings die Schnelligkeit der Barkeeper. Vor den Augen der leider nicht mehr mondänen und eleganten Gäste, sondern einer eher dickbauchigen und weiß-besockten Schar amerikanischer Touristen leeren die Barmänner in Sekundenschnelle die Rum- und Limettensaft-Flaschen in die Mixer sowie die cremige Masse in die Gläser, sodass ein konstantes Mixer-Brummen – gleich einem Motor dieses emsigen Treibens –aus der Bar nicht mehr wegzudenken ist.

 

La Bodeguita del Medio

Barszene in HavanaEbenso voll und laut geht es heute im zweiten Lieblingsladen Hemingways zu, der La Bodeguita del Medio. Diese kleine, als „Store in Store-Concept“ – nämlich Lebensmittelladen plus Bar – gegründete Straßenkneipe war Hemingways bevorzugte Anlaufstelle für ein wenig inspirierende und infusierende Mojito-Madness. Auch heute kann man die erfrischende Mixtur aus dreijährigem Rum, Minze, Limette, Zucker, Soda und Eis hier genießen, allerdings ist es schon ein wenig anstrengend sich durch die Trauben von Menschen, welche auf der Straße und am Tresen stehend ihre Minz-Limonade wegsüffeln, zu kämpfen und auch die Qualität des servierten Mojito ist nicht mehr so herausragend und unangefochten gut, wie sie es vielleicht zu Zeiten des guten Ernest Hemingways war. Wer weniger auf die trubelige Atmosphäre der La Bodeguita und mehr auf entspanntes Mojito-Schlürfen abzielt, dem sei die sonnenverwöhnte Rooftopbar des Capri Hotels empfohlen, an welcher man einen ganz hervorragenden, mit jeder Menge frischer Minze angereicherten Mojito genießen und sich dabei auch noch im Pool das Mütchen sowie die Füße kühlen kann.

La Guarida

Barszene in HavanaVermutlich wäre der gute Ernest recht traurig, wenn er wüsste, welches Juwel unserer Tage ihm aufgrund der unvermeidbaren, menschlichen Endlichkeit entgangen ist. So hätte der Rum-begeisterte Lebemann die 1996 gegründete La Guarida sicherlich in sein Portfolio illustrer Lokalitäten aufgenommen, wenn es diesen Paladar – so heißen familiengeführte, also nicht-staatliche Restaurants auf Kuba – bereits zu seinen Lebzeiten gegeben hätte. Vermutlich wäre er dann schon mittags in die ruinenartige Stadtvilla gekommen, um am Tresen der Rooftopbar oder an einem der weiß eingedeckten Tische zu speisen und sich liquide weiterzubilden. Denn hier hätte er gewiss weder Mojito noch Daiquiri bestellt, sondern sich einen der Signature-Drinks des Hauses hinter die literarisch wertvolle Binde gekippt. Barszene in HavanaDenn neben der sensationellen Kulisse des Restaurants in einer halb verfallenen Villa, welche vom Glanz und Prunk vergangener Tage erzählt, begeistern hier vor allem die hohe Qualität von Flüssigem und Festem. So kann man nicht nur neu interpretierte, kubanische Klassiker – allen voran eine saftige Languste – speisen, sondern auch italienische sowie spanische Einflüsse machen den Inhalt von Töpfen und Pfannen herrlich abwechslungsreich und wundervoll aromatisch. Und auch das Drinks-Menu hebt sich positiv ab und sorgt mit Kreationen, welche anlässlich des Havana Club Cocktail Grand Prix  2014 entstanden sind, für geschmackvolle Abwechslung. Barszene in HavanaSo kann man in der Rooftopbar mit Blick über die Dächer Havanas oder in den mit Antiquitäten eingerichteten Innenräumen beispielsweise einen Silver Pineapple aus dreijährigem Rum, Chardonnay, frischem Ananassaft und Limettensaft genießen oder sich einen Rosa Blanca auf der Zunge zergehen lassen, bei welchem der helle Rum im Glase von Fino Sherry, Pastis, Limettensaft und Nelken begleitet wird. Und spätestens, wenn einem bei einem solchen Schlückchen der Abendwind um die Nase weht und man auf das ebenfalls recht windige Baugerüste der ehemals herrschaftlichen Villa blickt, hat man sich in die La Guarida und in Havana verliebt.

Bar Roma

Barszene in HavanaDie alten Gemäuer als Kulisse nutzend ist auch die Bar Roma in der Altstadt einen Besuch wert – jedenfalls, wenn man die Atmosphäre genießen will, unter freiem Himmel tanzen möchte und völlig zufrieden mit plastikbecherigen Longdrinks ist, die einen stark an den letzten Teenager-Großraumdisko-Ausflug erinnern. Doch die üblichen Mixturen aus Gin, Wodka, Lemon und Co., sowie natürlich der unvermeidbare Mojito stehen im Roma definitiv an zweiter Stelle. Was hier zählt ist vielmehr das Lebensgefühl der Bar. Hier möchte man gar nicht über Drinks philosophieren, sondern lieber den Moment intensivieren, sprich mit Freunden, tanzen, lachen und eine gute Zeit verbringen – und notfalls, sich selbst auf die Zunge beißend, den Plastikbecher dezent an der Bar vergessen.

 

El del Frente und O’ Reilly 304

Barszene in HavanaSeinen Drink unangetastet irgendwo stehen lassen, sollte man auf gar keinen Fall im El del Frente oder dem O’ Reilly 304, welche beide von dem so kreativen wie freigeistigen Gastronomen Wilson geführt werden. Nachdem seit etwa drei Jahren das Restaurant O Reilly 304 – benannt nach seiner Adresse in der Altstadt – mit kubanisch-mexikanischer Küche, seiner hellen Modernität und den phantasievollen Variationen kubanischer Drink-Klassiker Einheimische wie Fremde gleichermaßen anzieht, machte Wilson vor einem Jahr noch einen zweiten Laden auf. So liegt das El del Frente – was nichts anders bedeutet als „der Laden über die Straße“ – tatsächlich genau gegenüber vom O’Reilly 304. Und nicht nur die geographische Lage, sondern auch das kulinarische Konzept der Schwester-Restaurants ist ähnlich, wobei im El del Frente durch seine stylische Dachterrasse der Fokus mehr auf dem Barbetrieb liegt als im gegenüberliegenden Stammhaus. Barszene in HavanaNeben frischen Speisen wie einem aromatischen Ceviche, Taco-Variationen und einem Sashimi, welches so zart ist, dass man meinen könnte, das Fischlein sprang noch vor wenigen Sekunden quicklebendig im Wasser herum, kann man hier, unter blauem Himmel oder im Sternenlicht Signature-Drinks des Hauses wie einen Mango-Chili-Daiquiri oder einen Watermelon-Mojito genießen. Auch, wenn sich diese Kreationen in europäischen Ohren nicht besonders spektakulär anhören, so stechen die Cocktails definitiv aus der Mojito-Daiquiri-Masse der Stadt heraus. Zum Einen aufgrund ihrer appetitlich anzuschauenden Präsentation und zum Anderen wegen ihrer doch etwas ungewöhnlicheren Rezepturen und den gaumenkitzelnden Kombinationen der verwendeten Zutaten. Eine weitere, liquide Tatsache, welche für Havana ungewöhnlich ist, findet sich zudem in der Backbar der beiden Läden. Denn neben diversen Rumsorten können die Barkeeper auf eine recht große Gin-Auswahl zurückgreifen, sodass sich die durstigen Gäste zur Abwechslung einmal nicht an Zuckerrohr laben, sondern mit Wacholder erfrischen können.

 

Barszene in HavanaUnd so gibt vielleicht das El del Frente mit seiner das Day-Drinking geradezu herausfordernden Rooftopbar am ehesten einen kleinen Ausblick darauf, was hier in den nächsten Jahren noch alles geschehen könnte. Ganz langsam, versteht sich, denn die Uhren ticken in Havana noch in normaler, analoger Geschwindigkeit und rasen nicht wie bei uns, angetrieben durch das Staccato von WhatsApp-Fiepen und Handy-Klingeln, in schweißtreibendem Tempo. Hier, im El del Frente verschmelzen am Tresen sowie im Glase die kubanischen Traditionen mit neuen Ideen. Hier, in der O’Reilly Street werden alte Gemäuer mit einfachen Mitteln zu stylischen, weltoffenen Locations umgebaut, welche durchaus nach New York oder Miami passen würden – jedoch ohne ihre kubanische Identität zu untergraben. Und genau dieser Kontrast aus Nationalstolz sowie der Zufriedenheit, mit dem was man hat, auf der einen Seite und der Lust sich zu öffnen und Neues zu erfahren auf der anderen Seite, prägt auch das Lebensgefühl der jüngeren Generation und der jungen Barszene auf Kuba. Doch obwohl man hier – aus westlicher Sicht – nicht viel hat, können die Menschen doch auf ein Gut und eine Gabe zurückgreifen, welche uns schon längst verloren ging. Der Genuss des Moments und die kompromisslose Freude am Leben – egal, ob dies nun mit einem fancy Drink im El del Frente ist oder mit einer simplem Flasche Rum am Malécon. Und vielleicht kann und sollte man ein wenig von dieser lebenslustigen und -durstigen Daydrinking-Mentalität sowie ein paar Dashes des kubanischen Laissez-faire ab und an in den eigenen Alltag integrieren und an den eigenen Tresen bringen. Denn manchmal ist es doch wundervoll entspannend sich auf das Weniger zu konzentrieren, anstelle immer dem Mehr hinterher zu jagen.

 

Barszene in HavanaDer Silver Pineapple aus der La Guarida ( Andy Loudon, Semi-Final Drink, Grand Prix 2014 )

35ml Havana Club 3 Años

25ml Chardonnay

35ml fresh Pineapple Juice

15ml Lime Juice

15-20ml Sugar Syrup (1:1)

Shake and strain in to a highball over cubed ice and garnish with a pineapple wedge and mint sprig.

 

Der Rosa Blanca aus der La Guarida ( Andy Loudon, Winner Drink, Grand Prix, 2014 )

40ml Havana Club 3 Años

15ml Fino Sherry

2ml Pastis

20ml Lime Juice

20ml Sugar Syrup (1:1)

4 Cloves, lightly muddled

Shake and fine strain into couppette.

Prosten und posten!

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