Andi Till

Andreas Till – Champagner, Passion und echtes Können

Barista, Pacific Times, Baricentro, Messen, Wettbewerbe und Preisverleihungen – Andreas Till, kurz Andi und die Gastronomie sind genauso unzertrennlich miteinander verbunden wie Andi und Champagner. Im Sommer sieht man den Vollblutgastronomen gerne sonntags auf der Terrasse der Goldenen Bar oder des Schumann’s sitzen, natürlich in Begleitung eines guten Schluckes seines geliebten Franzosen sowie Freunden und Bekannten. Doch diese entspannten Momente sind selten – die meiste Zeit verbringt Andi zwischen den Tresen seiner Läden oder an den Tischen seiner Gäste, welche oftmals zu guten Bekannten oder Freunden werden. Man mag und kennt den stets bescheidenden und immer freundlichen Gastgeber Andi in München und weit über die Stadtgrenzen hinaus. Und so wurde er verdientermaßen endlich bei den diesjährigen Mixology Awards zum Gastgeber des Jahres gekürt.

img_8746Andreas, geborener Münchner, ist Gastronom von den Fußzehen bis zu den Spitzen seiner dunklen Locken. Seinen ersten Laden, das Pacific Times, eröffnete er 1997 zusammen mit zwei Partnern. Und auch heute noch ist das Pacific in der Baaderstraße sein „Baby“, sein erster Laden, dessen thematischer Aufhänger die Zeit des Britischen Kolonialismus ist. Eine Zeit, in der sich Luxusgedanke und Exklusivität der Kolonialherren mit der Exotik fremder Länder und Kulturen zu einem facettenreichen Gesamtkunstwerk verband. Alles Negative dieser Zeit jetzt einmal außer Acht gelassen, versteht sich. Und so verleiht vor allem das Interieur mit dunklem Holz und hellen Korbsesseln, welches laut Andi „so oldschool ist, dass es niemals aus der Mode kommt“ dem Laden eine Zeitlosigkeit, sodass er auch gut als Kulisse für Filme wie „Der englische Patient“ fungieren könnte.

img_8465Schon vor jeglichem Food-Cocktail-Pairing-Hypes funktionierte und funktioniert das Pacific sowohl als Cocktailbar, als auch als Restaurant. Wobei sich der Kolonialzeit-Gedanke auch durch die Karte zieht, in welcher europäische Gerichte mit exotischen Einflüssen, wie Thunfisch Steak mit Avocado-Créme oder ein pikantes Curry zu finden sind. Und auch mit dem Konzept einer Crossover-Küche war Andi im Jahr 1997 ein echter Vorreiter in der hiesigen Gastronomie-Landschaft und seiner Zeit voraus. Bereits zwei Jahre nach Eröffnung des „PT“ bewies sich Andreas erneut als kreativer Kopf und liquider Könner. Noch lange vor den Zeiten sämtlicher Pop-Up-Stores oder Interim-Konzepten, eröffneten die drei Pacific Times-Besitzer 1999 direkt im Kern Münchens das Barista, ein italienisches Tagescafé mit kräftigem Espresso, prickelndem Prosecco und italienischen Schmankerln – allerdings nur für sechs Monate. Damals gab es in der Innenstadt lediglich Touri-Läden à la Hofbräuhaus und so wurde das Barista innerhalb kürzester Zeit zum beliebten Treffpunkt der Münchner-Szene und umliegender Geschäftsleute. Und nicht nur das Interim-Konzept des Ladens war für die Bayrische Hauptstadt neu: Andi etablierte auch ein – heute würde man sagen – Store-in-Store-Konzept, denn die Möbel des Cafés waren Leihgaben eines Antiquitätenhändlers und konnten, noch mit Preisen versehen, gleich mit gekauft werden. Spaghetti und ein Sessel? Da hieß es im Barista nur: „Si claro“.

img_3188-kopieAls die sechs Monate vorbei waren, gab es eigentlich nur eine Möglichkeit: Ein Barista 2 als Fortsetzung dieses lebendigen Laden mit Kult-Potential. Doch, weil wir schließlich in München sind und Ladenflächen auch schon in den 90ern hart umkämpft, dauerte es zwei Jahre lang bis endlich ein Paltzer’l gefunden war – und zwar ein ganz besonders zentrales und angemessen mondänes im Souterrain der Fünf Höfe-Einkaufspassage direkt neben dem Bayerischen Hof. Verwinkelt und etwas dunkel, war das ursprüngliche Konzept einer italienischen Tagesbar allerdings nicht mehr umsetzbar. Und so wurde aus dem leichtlebigen Barista 1 ein langlebiges Barista 2, nämlich eine klassische Bar im Europäischen Stil mit erstklassigen Drinks, einer größeren Weinauswahl und regionalen Klassikern wie einem Steak mit Bratkartoffeln oder der sündigen „Gâteau au chocolat“. Spezialität des Hauses ist ein Irish Coffee, der traditionell mit karamellisiertem Zucker flambiert und mit handgeschlagener Sahne serviert wird. Klassisch, perfekt und cremig-lecker.

Doch die Idee der Tagesbar blieb Andi im Kopf und den Münchnern sicherlich im Herzen und als dann 2005 die Schrannenhalle wiedereröffnet wurde, ergab sich endlich die Gelegenheit aus einer schönen Idee auch einen schönen Laden zu machen. Gedacht, getan und seitdem bietet das Baricentro am Sebastiansplatz – übrigens in der ältesten Häuserzeile Münchens angesiedelt – seinen Gästen italienische Schmankerln, starken Kaffee, Crodino-Limonade, Prosecco und eine gehörige Portion Dolle Vita.

img_4174Andi, der unter anderem auch mit Getränkemarken wie Campari, Tenesse oder Jägermeister zusammen arbeitet, ist bei allen drei Läden Barchef und so verkörpern Barista, Pacific Times und Baricentro auch in vielen Punkten seine Ideale einer guten Bar – ein paar Kompromisse aufgrund des Besitzer-Dreigestirns einmal ausgenommen. Für ihn gleicht eine Bar einer paradiesischen Oase, ganz dem Vorbild des Filmklassikers „Casablanca“. Ein Ort der Ruhe und der Zerstreuung fernab von den Schwierigkeiten und Sorgen der Arbeitswelt oder des Alltags. Hier ist jeder gleich – egal, was er macht, woher er kommt oder wohin er geht. In einer Bar solle vielmehr der Moment und das Da-sein zählen. Man lässt sich am Tresen nieder, legt die Jacke inklusive des täglichen Ballastes ab und konzentriert sich auf sinnliche Genüsse und die Energie des Moments – und natürlich auch des Drinks.

Neben dem ein oder anderen Schluck Champagner wird Andi auch durch die klassischen und glamourösen Bars der 1920er Jahre zu seinen Bar-Idealen inspiriert nämlich Orten, wie man sie im „Film Noire“ oder alten Musikfilmen findet: Jazz-Musik spielt, Damen ziehen mit roten Lippen an Zigarettenspitzen, Männer nippen an starken Drinks und der weiß beschürzte Service ist erstklassig. So eine Szene könnte sich auch in einem von Andi’s Läden abspielen, denn er ist der Überzeugung, dass eine Bar sich niemals durch eine übertriebene Architektur oder gar arrogantes Personal in den Vordergrund spielen solle, sondern „als Bilderrahmen“ für das Geschehen und letztendlich auch für die Gäste fungiere. Ganz gezielt wählte der Gastronom deshalb auch für alle seine Läden eine Einrichtung, die sich, wie ein weißbemantelter Kellner vergangener Zeiten, elegant und gepflegt zurückhält. Die Einrichtung solle die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit sich die Gäste wohl fühlen können und – ganz im Mittelpunkt der Bar – selbst das Bild gestalten.Dabei ist Andi klar, dass er keine neue und ach so innovative Idee verfolgt, sondern vielmehr die klassisch Bar ins hier und jetzt zurückholt – Einen Ort, der zur Erholung vom Alltag dient und dem Menschen Raum gibt. Und genau das merkt man auch in Andi’s Läden: Man fühlt sich sofort wohl, ohne genau zu merken, warum. Ein bisschen wie ein Wohnzimmer, in dem man, von freundlichem Personal versorgt, entspannen und kurz abschalten kann.

Und auch beim Thema Drink, verknüpfen sich bei Vollblutgastronom Andi Gesagtes und Gerührtes, Philosophie und ihre liquiden Ergebnisse – So brauche er theoretisch nur drei Zutaten, um eine Bar zu eröffnen: Campari, für eine bittere Süße. Gin, den Andi aufgrund seiner vielfältigen Aromen als „König der Bar“ ansieht und schließlich noch den geliebten Champagner – für Andi durch die prickelnde Frische die „Königin der Bar“. Ein bisschen bitter-süß, ein wenig Kraft und etwas zum Übersprudeln – schon fast eine philosophische Drink-Life-Mischung.

img_3189Andreas Till ist definitiv noch einer der wenigen Gastronomen, welcher seine Läden nicht als Geldmaschine ansieht. Er putzt die Bar selber und steht jeden Abend in einem seiner Läden hinter dem Tresen. Diese Leidenschaft transportiert er auf Personal und Gäste, und so sind das Barista, das Baricentro und das Pacific Times auch tatsächlich kleine Oasen, in denen jeder Besucher für einen Moment den Alltag vergessen kann. Und auch, wenn Andi nun endlich den „offiziellen“ Titel Gastronom des Jahres verliehen bekommen hat, so ist er doch schon immer genau das: Ein toller und von Herzen freundlicher Mensch, der glücklicherweise Gastronom ist.

Noch Lust auf eine andere Story über herausragende Menschen und preisgekrönte Leistungen – Hier geht’s zum Porträt von Klaus St. Rainer, dem Besitzer der Goldenen Bar und „Frontman“ des Barteam’s des Jahres 2017!

Der Artikel über Andreas Till erschien in ähnlicher Form bereits auf J’ADORE FOOD.

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